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Vierter Versuch [Textband]
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462 X. Abschnitt. I. Fragment.

als besonderer Leidenschaften. Es giebt Stirnen, Nasen, Lippen, Augen, die an sich Stärke oder Schwäche,Feuer oder Kälte, Scharfsinn oder Stumpfheit, Zorn oder Rachsucht anzeigen an sich und in sofern sie ge-wisse andere coeristente Theile schlechterdings voraussetzen. Dessen ungeachtet, so sehr ich jeden Freund derPhysiognomik bitte, auch den kleinsten, einzelnsten Zug des Gesichtes nicht zu vernachläßigen so kann ichsdennoch nicht laut und kräftig genug sagen: Faß alles zusammen! vergleiche jedes mit jedem! überschaue dasGanze der Natur, der Form, der Farbe, des Fleisches, der Knochen, der Muskelnder Gelenkigkeit, derUngelenkigkeit, der Bewegung, der Stellung, des Ganges, der Stimme, des Stils, der Handlungen, derLiebe, des Hasses, des Lassens und Thuns, des Weinens, des Lachens, des Scherzes, des Spottes, der Lau-ne, des Zorns. Vernachläßige nichts Einzelnes aber hänge das Einzelnste wieder ans Ganze Nein!>Nicht hange webe es wieder hinein! Lerne besonders das Natürliche vom Faktizen, das Eigne vomEntlehnten unterscheiden. Du wirst finden, daß alles Entlehnte und Fakrize, das man annimmt, immer einegewisse Natur vorausseht, die es annehmen kann; daß sich also nach und nach bestimmen laßtwas kanndieß Gesicht annehmen? was nicht? Gewisse Gesichter können keine sanfte Mienen, gewisse keine mächtig trü-gende annehmen. Alle Gesichter können sanft seyn, und alle können zürnen. Ich weiß es aber gewissen Ge-sichtern ist die Sanftmuth so natürlich, oder so faktize, als andern der Zorn. Studium der natürlichen Grund-formen, der in Ruhe liegenden Grundzüge und ihres umwohnenden unaustilgbaren Geistescharakters wirddich nach und nach das zusammen mögliche, zusammenschickliche, uud das zusammen unmögliche und unschickli-che kennen lehren. Du wirst, wo tausend Augen Disharmonie zu sehen meynen, Harmonie sehen. Bis dudiese überschaust, hast du den Menschen noch nicht gesehen. Nach und nach kannst du dazu kommen, aus ei-nem ans zwey, aus zweyen auf drey zu schließen u. s. w. Du wirst aus den Worten den Mund, aus demMunde die Worte voraus erkennen lernen aus dem Stile die Stirn, aus der Stirne den Stil nämlichnicht was einer überhaupt sagen, schreiben, thun wird sondern nur was er kann oder nicht kann wie erin gegebenen Umständen überhaupt, in welchem Tone, welcher Weise er handeln wird Du wirst den Kreisbestimmen können, der diesem oder jenem Gesichte anberaumt ist in welchem es ihm frey steht, seine Rollegut oder schlecht zu spielen.

Kostbar und wichtig seyn dir gewisse zur Beobachtung treffliche Momente.

Der Moment des plötzlichen, unerwarteten, unvorbereiteten Sehens der Moment des Bewillkom- 'mens! der Moment des Kommens und Gehens!

Der Moment, der dem plötzlichen Losbrach einer Leidenschaft vorgeht und der unmittelbar nach derGäbrung; besonders auch der, wo die Leidenschaft durch die Gegenwart einer verehrenswürdigen Person plötzlichunterbrochen wird. Da sieht man die Macht der Verstellung, und die dennoch übrig bleibende Spur der Lei-denschaft. Der