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Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
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hat man die Stirn, einen Tarif zu verteidigen, der noch niemalsder Feuerprobe des Vergleichs und des Experiments unterworfenworden iſt!2

Ehe man aber einen Tarif nicht im Kreuzfeuer der Verſuche er-probt hat, hat man nicht das geringſte Recht, Angreifer des Tarifsdurch den Hinweis auf ſeineBewährung zurückzuweiſen. DasEinzige, was ſich von dem jetzigen Eiſenbahntarif mitvollem Recht rühmen läſſt, wäre etwa dies: er ſcheint derallergeeignetſte, um von 100 angebotenen Plätzen 76 leerzu laſſen und um 11 Milliarden Anlagekapital mit einererbärmlichen Verzinſung zu verwerten.

Es gibt keinen andern Weg, um aus dem jetzigen Notſtandherauszukommen, als eine vollſtändige Umkehr. Mit Palliativ-mittelchen iſt nichts mehr zu erreichen. Man hat ja auch ſo ziemlichſchon jede Tarifkurpfuſcherei verſucht. Man hat Prämien da erteilt,wo gar keine beſondere Leiſtung des Reiſenden gegenüber der Ver-waltung vorlag: man hat Retourbillets mit 25 35% Rabatt geſchaffenauch für die kleinſten Strecken und hat mit dieſen Retourbillets dieBilletverkaufſtellen in unerhörter Weiſe belaſtet, hat die Abrechnungerſchwert und hat Anlaſſ zu allerhand Schwindeleien gegeben, dieſonſt unmöglich geweſen wären. Es ſind ſogar ganz neue Arten vonVerbrechen, unter anderen auch Betrug, durch die Retourbillets ge-ſchaffen worden. Man hat unter dem Jubel der ReiſendenweltRundreiſebillets eingeführt. Aber wie ſie auch heißen mögen, alledieſe Kurpfuſchereien, ſie rühren nicht an der albernen Voraus-ſetzung, daſſ der Wert einer Reiſe wachſe mit der Zahl der Kilometer,auf denen man geſchüttelt wird.

Vereinheitlichung und Verbilligung! muſf der Ruf wer-den, mit dem der Kampf gegen den alten Tarif zu führen iſt. EineReiſe iſt eine Reiſe und weiter nichts, und da die Verwaltung ſichnicht nach dem ihr unbekannten Zweck und Wert der Reiſe bezahlenlaſſen kann, ſo hat ſie die eine Reiſe wie die andere zu betrachten.Und außerdem iſt eine Reiſe ohnehin ein ſo teures Ding, daſſ manes nicht ohne Not durch einen übertrieben hohen Billetpreis noch ver-teuern darf. Der beſte Tarif iſt derjenige, bei dem dieVerwaltung mit dem ein fachſten Verwaltungsapparatdie größten Reineinnahmen erzielt. Kein lebender Menſchmit vier bis fünf geſunden Sinnen wird das von dem jetzigen Tarifbehaupten können.