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Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
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79
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Rieſenplakate haben an den Eingängen zu dieſen Über⸗ und Unter-führungen dem Reiſenden zu ſagen, wohin es geht! Rieſenplakate wie-derum ihm zu ſagen, wohin er gelangt, wenn er die Über⸗ oderUnterführung paſſirt hat. Das engliſche Eiſenbahnweſen, doch wahr-lich nicht das ſchlechteſt entwickelte der Welt, beſitzt dieſe Einrichtungenſchon ſeit einem Menſchenalter. Die zu blutigen Fetzen zerfahrenenMenſchen beim Steglitzer Unglücksfall gehören auf das Schuldkontoder deutſchen Eiſenbahn⸗Einrichtungen.

Mit großen Plakaten auf dem Bahnſteig, mit ähnlichen Plakatenan jedem Wagen und mit der weithin ſichtbaren verſchiedenen Farbejeder Wagenklaſſe müſſte es doch wirklich wunderlich zugehen, wennin Zukunft nicht die Seelenangſt aufhören ſollte, die jetzt mehroder minder jeden Reiſenden erfaſſt beim Suchen nach einem ZugeWund einem Wagen auf einem großen Bahnhofe, zumal in derNacht. Die Farbe der Billets für die drei Klaſſen müſſte derFarbe des Waggons entſprechen.

Für die Nachtfahrten, zumal in den durchgehenden Zügen, be-darf es noch weitergehender Verbeſſerungen. Jeder überflüſſige Lärm,jedes Geſchrei iſt hier erſt recht unbedingt zu unterſagen. Geläutetwird während der Nacht überhaupt nicht; gepfiffen, wenn docheinmal gepfiffen werden muſſ, nur in den ſtreng zu bezeichnendenſeltenen Fällen. Das unnötige Aufreißen der Türen von durchgehen-Wagen hat zu unterbleiben.

So weit wäre wohl nun allen gerechten Bequemlichkeitsanſprüchenfür wenig Geld genügt. Ich höre aber ſchon ſeit längerer Zeit dieFrage des Leſers: Werden wir nicht bei dem in Folge des billigenTarifs ſicher zunehmenden Verkehr zwar billig, aber eng gepackt wiedie Heringe fahren? Darauf habe ich zu erwidern: Wer hat dennjetzt, zumal in der Hauptreiſezeit, ſelbſt in der I. oder II. Klaſſeirgend welche Sicherheit, daſſ er nicht eng gepackt wie ein Heringfahren muſſ?! Das jetzige Syſtem kennt nur ein Sicherheitsmittelgegen das heringartige Verpacken: man löſt ſo viele Billets, wie Plätzein einem Koupé vorhanden ſind. Von dieſem Recht können indeſſennur die paar Nabobs in Deutſchland Gebrauch machen. Ein KoupéI. Klaſſe koſtet z. B. von Berlin nach München (bei ſechs Plätzen):2574 M.

Der billige Zonentarif ermöglicht es jedem leidlich bemitteltenReiſenden, ſich für einen geringen Mehrauſwand einen bedeutendenMehrkomfort, z. B. den eines beſonderen Koupés ſür eine längere Fahrtzu ſichern. Für kürzere Fahrten iſt das ja überflüſſig, wenn auch zu-