Buch 
Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
Entstehung
Seite
111
JPEG-Download
 

111

billigen Zonentarif in Deutſchland werden wird, vermag niemandvorauszuſagen. Nichts hindert, daſſ ſie mindeſtens ſo groß werde wiein Ungarn , alſo eine Verdreifachung erreiche. Es iſt jedenfallskeine allzukühne Vermutung, daſſ Deutſchland im Perſonenverkehr aufden Stand Englands gelangen kann. Deutſchland hat mehr km Eiſen-bahnen im Betrieb als England, und wenn ſein Netz weniger dichtiſt als das engliſche, ſo ſind doch die Deutſchen ein mindeſtens ebenſoreiſeluſtiges Volk wie die Engländer. In England kommen jetztungefähr 20 Reiſen jährlich auf den Kopf. Nehmen wir auch nurein ähnliches Verhältnis für Deutſchland bei einem billigen Zonentarifan, ſo würden wir ſtatt der 340 Millionen Paſſagiere von 1888/89ungefähr 1000 Millionen Paſſagiere haben!

Wie iſt aber dieſer ungeheure Verkehr zu bewältigen?! Ebenſowie in England! Hier wurde 1885/86 auf einer kürzeren Geleis-länge jene ungeheure Zahl von Paſſagieren befördert, und die Zahlder dazu nötigen Perſonenwagen betrug nur 33 658 gegenüber22 735 in Deutſchland , die Zahl der Lokomotiven nur 15 196 gegen-über 12 450 in Deutſchland . Alſo eine mehr als dreifache Zahlder Paſſagiere müſſte ſich auch in Deutſchland bei vernünftigen Ein-richtungen bewältigen laſſen mit nur 50% mehr Waggons und nur25% mehr Lokomotiven. Bei vernünftiger Ausnutzung des Fahrparkesund bei ſorgſamer Pflege des von mir auf S. 107 empfohlenenSyſtems der Erſparniſſe und der Einnahmeſteigerung würden dieHelbſtkoſten der Eiſenbahnverwaltungen bei einem verdrei-fachten Perſonenverkehr nicht weſentlich ſteigen. 2

Dieſen letzten fettgedruckten Satz hatte ich nach reiflicher Über-legung 1887 niedergeſchrieben und 1888 drucken laſſen. Die neun-malweiſenFachleute natürlich wuſſten das alles beſſer und ſetztenmeiner wohlbegründeten Vorausſage ihre auf nichts als auf Phraſengeſtützten Prophezeiungen entgegen. Ein prächtiges Beiſpiel einesſolchenFachmannes, wie er nicht ſein ſoll, ein gewiſſer Geheimratund Profeſſor Launhardt, von ſeinen Mitfachleuten für einen der Erſtenerklärt, mag dem Leſer die wohlverdiente Freude bereiten, einmal dieFachleute am Werk zu ſehen! BeſagterFachmann iſt beiläufigkein Tarifmann, auch kein Betriebstechniker, was ihn natürlich nichtgehindert hat, ſich mir demNichtfachmann gegenüber als den großenFachmann aufzuſpielen.Nichtfachmann heißt bei dieſen Leutennämlich ein Jeder, der nicht ein beſtimmtes möglichſt hohesGehalt aus einer Eiſenbahnkaſſe bezieht und vor ſeinem ehrlichenNamen nicht irgendeinen mitEiſenbahn zuſammengeſetzten Titel imStaatshandbuch aufweiſt. Man kann ſich 15 Jahre lang eingehendmit dieſer Frage beſchäftigt haben was wahrlich nicht vieleFach-leute von ſich ſagen können, tut nichts: wer nicht regelmäßig mitFreibillets fährt, darf nicht mitreden über Billetpreiſe. Darauf läuftder ganze geſchwollene Schwatz über dasFachmanntum am letzten