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Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
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113
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13. Kapitel.

Die Zonentarife in tterreich und Ungarn ,und was ſie Deutſchland lehren.

Seit dem 1. Auguſt 1889 beſteht auf den ungariſchen Staats-bahnen ein Zonentarif. Schon im Jahre 1888 hatte der ungariſcheHandelsminiſter von Baros(man beachte es wohl: kein Fachmannim Sinne unſerer ſo enorm fachmänniſchen Eiſenbahn⸗Aſſeſſoren, ſondernnur ein denkender Staatsmann) den Gedanken gefaſſt, mitdem alten Tarif ginge es nicht länger. Der Perſonenverkehr auf denBahnen Ungarns zeigte dieſelbe klägliche Erſcheinung wie überall: erverſumpfte, hielt kaum Schritt mit der Erweiterung des Netzes, demWachstum der Bevölkerung, der Hebung der allgemeinen Kultur; jaer ging in manchen Jahren abſolut zurück. Nun war der frühereungariſche Kilometertarif ganz hervorragend ein Verſcheuchungstarif;er war höher als die Tarife der öſterreichiſchen und der deutſchen Bahnen, wenngleich nicht der höchſte in Europa . Im ungariſchenHandelsminiſterium zerbrach man ſich die Köpfe, wie dieſem Zuſtandeder Verſumpfung abzuhelfen ſei. Daſſ eine Erhöhung der Tarife un-möglich ſei, wenn man nicht die Bahnen erſt recht veröden wollte, warſelbſtverſtändlich. Eine bloße Ermäßigung erſchien eher ſchon ratſamaber auch eine weitgehende Ermäßigung wäre nicht im Stande ge-weſen, den Nahverkehr für die große Maſſe der Bevölkerung er-ſchwinglich zu machen.

Aus dieſem Zuſtande der Unſchlüſſigkeit wurde die Leitung derungariſchen Staatsbahnen im Sommer 1888 durch mein BuchEiſen-bahnreform und die ſich ſofort daran knüpfende ſtürmiſche Bewegungin der öffentlichen Meinung geriſſen, und ſie entnahm ihm, wie derkommerzielle Leiter jener Bahnen ſich freundlich ausſprach:energiſcheMotive für den Willen, um ſich ſchopenhaueriſch auszudrücken, An-träge bezüglich einer gründlichen Reform der Perſonentarife zuſtellen(Brief des Herrn Direktors Schober in Peſt an mich vom9. Sept. 1889). Ich führe dies nur an, um eine geſchichtlicheTatſache feſtzuſtellen und abſichtlichen Verdunkelungen vorzubeugen.Perrots Schriften, ja ſogar ſein Namen, waren dem Miniſter vonBaros vollkommen unbekannt, und welche Anſprüche Perrot auch ſonſtgeltend macht, mit der Tarifreform in Ungarn hat er nichts zu ſchaffen.

Daſſ die ungariſche Regierung von ihrem alten hohen Kilometer-tarif mit einem Sprunge zu einem einfachen Zonentarif übergehenwürde, hatte ich niemals erwartet. Dazu ſitzt in allen Eiſenbahn-verwaltungen der Welt, auch in der verſtändigſten, wie ein Blutgift dieLuſt am Verwickelten noch zu tief Auch iſt zu erwägen: der Zonen-tarif in Ungarn verdankt nur ſeinen Gedankenurſprung einem oder,

E. Engel, Der Zonentarif. 8