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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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Fläciieneis. Eisberge. Aesthetische Bedeutung der Region des ewigen Eises.

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Eisberge.

die erhobenen Gerüste zusammen, gleich einer einfallenden Stadt; dann flüstern sienoch in abgebrochenen Pausen, endlich erscheint die Ruhe hergestellt . . . Wiedererhebt sich das Eis . . . Ueberall ringen die krystallenen Schaaren, zwischen ihrenGliedern fluthet der Wasserschwall in die hinabgepressten Kessel; die Eisklippenzertrümmern im Einsturze und Schneeströme fliessen von den berstenden Hängennieder . . . Dort liegt ein mehrere Winter alter Schollenveteran . . . Wälle hochauf-gerichteten Eises drängt er häufend vor sich her, gleich brandendem Schaum; einStrom zermalmten Eises umfliesst seinen Leib, und wie Rauch gegen den Himmelträgt ihn der Wind.

Wenn das Meerwasser gefriert, wird das in ihm enthalteneSalz ausgeschieden. Die Ausscheidung findet entweder nachaufwärts oder nach abwärts statt. Bei der ersten Eisbildung istimmer das erstere der Fall. Der Krystallisationsprocess schreitetungemein rasch vor und in kurzer Zeit nimmt sich die glatte Eisflächewie eine überfrorene Wiese aus, denn die Krystalle schiessen in Büschelnauf und bilden kleine niedere Häufchen. Das Ganze macht, aus einigerEntfernung gesehen, den Eindruck frischgefallenen Schnees. Gleichwohlwäre es ein Irrthum, wollte man annehmen, alle jene zarten Gebildeseien Salzkrystalle; sie sind vielmehr dünne Eisnadeln, an welche sichdie ausgeschiedenen Salztheilchen- ankrystallisiren. Dabei behält diesekrystallinische Decke eine gewisse Feuchtigkeit, da sie eine concentrirteSalzlösung ist, die sich erst nach und nach aufsaugt. Selbst bei einerTemperatur von 40^ unter Null schreitet der Fuss über eine Massescheinbar thauigen Schnees.

Ein wesentlich anderes Bild als das Flächen- und Packeis gebendie Eisberge ab. Sie verdanken ihren Ursprung den Gletschern derpolaren Inselwelt. Die Thäler (beziehungsweise Fjorde) Spitzbergens,Grönlands u. s. w. sind mit Gletschern erfüllt, die bis ans Meer reichen.Ihre Dimensionen sind verschieden, doch hat Scoresby auf Spitzbergendie Breite von zwei dortigen Gletschern bei ihrem Eintritte ins Meer auf20 Kilometer geschätzt. Alle diese Gletscher bilden an ihrem unterenEnde gewaltige steile Eismauern, die sich häufig senkrecht über das Meer(bis 100 Meter) erheben. Die ersten holländischen und englischen See-fahrer bezeichneten diese Massen alsEisberge , weil ihnen der Zu-sammenhang derselben mit den Gletschern im Inneren unbekannt war.Selbst die späteren Polarfahrer (Phipps, Parry, Scoresby) wussten nichtsvon der eigentlichen Beschaffenheit dieser Eisströme, welche unter ihrenAugen bis in die See rücktem

Auch über diese Erscheinungsform des Polareises besitzen wir eine wahrhaft classischeSchilderung, die des Nordpolfahrers Gustav Laube:Sind das nicht die gläsernen Berge desMärchens? Alles ist still und stumm wie in einer verzauberten Gegend. Wir sind allein aufleichtem Boote; unsere Neugier treibt uns näher und näher. Zeitweilig lässt sich ein leises Ge-räusch vernehmen, ein fernes Donnern. Durch das blaugrüne Wasser ziehen unter uns Streifen hinwie weisse Nixenleiber, das Meer wird lichter und lichter und endlich fast milchweiss. Da sindwir nun angelangt am Fusse des Eisriesen nein, wir sind schon weit über seinen Fuss hinauf,denn durch die Fluth sehen wir das Eis heraufblauen, während ein Theil abgebrochen, mit rumen-haften Trümmern bedeckt, weite, domartige Höhlen im Innern des Gletschers schauen lässt, hochgenug, dass ein .Schiff hineinsegeln und darin umwenden könnte. Ein rechter Geisterpalast . . . Undwährend wir da, nichts Arges träumend, uns der Anschauung der nie gesehenen Pracht hingeben

da fängt ein grauenhafter Spuk an. Schäumend und wallend beginnt sich das Wasser am Fussedes Gletschers zu regen, als wenn es plötzlich durch unterirdisches Feuer ins Sieden, gerathenwäre. Es braust auf und das Getöse wächst bis zum Gebrüll des Donners; Eisblöcke brechenaus der Tiefe hervor und schnellen aus den Wogen schwankend und krachend hin und her.

Da hebt sichs mitten drin, eine weisse Riesengestalt taucht auf, höher und höher, einemächtige Eismasse, der grosse Blöcke entfallen. Immer wieder rauscht die See auf, denn dasneugeborene Ungethüm wälzt sich bald auf diese, bald auf jene Seite und wirft hierbei eine breiteWassergarbe von sich. Endlich kommt es ins Gleichgewicht; das Getümmel schweigt, die See istwieder glatt, der Donner ist in der Ferne verhallt ... Da liegt der schwimmende Eisberg vor uns,gewärtig, mit der nächsten Fluth seine Wiege zu verlassen und allmählich mit seinen Genossenmit der Strömung nach Süden zu wandern . . . Das ist doch wie ein Märchen, wo plötzlich aus derTiefe ein krystallenes Schloss irgend eines bösen Kobolds aufsteigt.

Zu dieser prächtigen Schilderung noch eine Bemerkung. Die leben-dige Eindrucksfähigkeit der arktischen Natur erfährt eine weitere Be-reicherung, wenn man auf die elementaren Vorgänge in ihr den Begriffdes Tragischen überträgt. Ueberall, wo uns die Naturkräfte in ihrengewaltigen Kämpfen und unvermittelten Contrasten gleich selbständigenbelebten Wesen handelnd und ringend erscheinen, dürfen wir auch fürdas Naturleben das Prädicat desTragischen mindestens mittelbar inAnspruch nehmen. Ja, die natürliche Erscheinung selbst kann im Zustandeder Ruhe einen tragischen Eindruck hervorrufen, sofern sich in ihr diewilde Naturgewalt mit ihren mächtigen Erregungen verkörpert. VerödeteGebiete, gewaltige Eismassen, dunkle, unergründliche Sunde, in denenblinkende Eiskolosse schwimmen, wirken tragisch, indem sie das unerbitt-liche Walten riesiger, jedem organischen Leben feindlicher Naturkräftezur Anschauung bringen.

Kehren wir zu unserem Gegenstände zurück. Wenn der vorrückendeGletscher am Meere angekommen ist, bleibt er überall dort, wo dieUferlinie eine gerade ist, stille stehen; er rückt aber weiter vor, wenndas Gletscherende den Meeresrand im Hintergründe einer eingebogenenBucht erreicht. Er stützt sich hier auf die Ufer der Seitenränder derBucht, während er seine Firnmasse über das Meer hinschiebt. DieSchlussfolgerung hieraus ergiebt sich von selbst. Im Sommer hat dasMeerwasser im Hintergründe der Buchten allemal eine Temperatur vonetwas über Null; der Gletscher, welcher mit diesem wärmeren Wasserin Berührung geräth, fängt zu schmelzen an, und bei tiefer Ebbe kannman dann einen freien Raum zwischen dem Wasser und demGletscher bemerken. Sobald nun der letztere unter sich keinenHalt mehr findet, stürzt er theilweise zusammen, ungeheuereBlöcke lösen sich ab, stürzen ins Meer, verschwinden unterdem Wasser, kommen wieder, um sich selbst drehend, auf dieOberfläche und schwanken eine Weile hin und her, bis sieihre Gleichgewichtslage gefunden haben. Diese abgelösten Glet-scherblöcke bilden dann schwimmendes Eis und Eisberge.

In den Polarmeeren schwimmen wahre Kolosse solcherEisberge. Von ihrer ganzen Grösse kann man sich aber ersteine richtige Vorstellung machen, wenn man weiss, dass diese

Riesen und überhaupt jeder Eisblock nur mit einem

Eispressung.

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