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Der Kaukasus. — Die Mittelmeerküsten.
Hier ist es der hoheKaukasus, welcher eine na-türliche Schranke zwischenbeiden Continenten bildet.
Mit derselben Berechtigungaber, welche Europa am Hoch-zuge des Kaukasus endenlässt, könnte man die Wolga-steppen, mit ihrer rein asia-tischen Bevölkerung, undCiskaukasien für den asiati-schen Erdtheil beanspruchen.
Hält man an der einmal auf-gestellten Grenzlinie fest,dann liegen die höchstenPunkte unseres Erdtheilshier. Der König unter allenkaukasischen Gipfeln ist derElbrus, dessen Schneehauptbis zu 5 660 Meter ansteigt. Ihmzunächst steht der Kasch-t an tau mit 5200 Meter undder Dychtau, der nur umweniges niederer ist als dervorgenannte; weiter folgt der Kasbek mit 5043 Meter, hartan der grossen Kaukasuspassage — der Darielroute — gelegen,und die eigentliche kaukasische Grenzmarke zwischen Europaund Asien. Die angenommene Scheidelinie zwischen beidenErdtheilen verläuft nämlich südlich des Elbrus am Kaschtantauund Dychtau, wonach also diese gewaltigen Hochgipfel zuEuropa gehören würden. Vom Kasbek ab hält sich die Grenz-linie fortgesetzt mehr gegen Norden und fällt schliesslich mitdem Unterlaufe des Sulakflusses zusammen, so dass fast derganze östliche Abschnitt des Kaukasus auf asiatisches Gebietzu liegen kommt. Nur die Tschetschna — das Land der krie-gerischen Tschetschenzen — gehört noch zu Europa.
Wie an der jetzigen Seestrasse von Gibraltar Europa mitAfrika in vorhistorischer Zeit zusammenhing, war es an denDardanellen und dem Bosporus mit Asien der Fall. DieseSeestrassen weisen nämlich die Merkmale eines gewaltsamenmarinen Durchbruches auf, gestatten sonach den Rückschluss,dass das Schwarze Meer in früheren Epochen ein Binnen-gewässer, ohne marine Verbindung mit dem Ocean war undeine bedeutend grössere Fläche bedeckte. Gegen Mitte derMiocänepoche brandete ein und dasselbe grosse brackischeBinnenmeer an den östlichsten Ausläufern der Alpen und amUst-Urt-Plateau in Mittelasien. Das „Sarmatische Meer”, wieman diese Wasserfläche der mittleren Tertiärzeit zu nennenpflegt, bedeckte auch den grössten Theil des heutigen russi-schen Tieflandes. Nach Süden aber griff es nicht weiter hinausals derzeit. Ein breiter Landrücken, in welchen auch der heutigeArchipelagus inbegriffen war, trennte das sarmatische Mittel-meer vom europäisch-afrikanischen („romanischen”).
Mit dem Uebergange des Miocän in das Pliocän erscheintdas sarmatische Meer in eine Reihe grosser Becken mit bracki-schem Wasser aufgelöst. An Umfang erheblich beschränkterals vorher, schrumpfen diese Becken, welche wir uns haupt-sächlich um den Inselstock des Kaukasusmassivs gruppirt zudenken haben, noch mehr zusammen, während im Westen —also im jetzigen ungarischen Tieflande nebst Nachbargebieten— Süsswasserseen auftreten. Unterdessen gewann das roma-nische Mittelmeer an Terrain, der breite Landrücken zwischenNordost und Südwest wurde immer schmäler und löste sichzuletzt in das Inselgewirre des heutigen griechischen Archi-pelagus auf. Die schmale Schei-dewand wurde endlich in derquartären Periode durchbro-chen, der Isthmus zwischen demSchwarzen Meere und demKaspimeere trocken gelegt,wobei beide Binnengewässerbeiläufig ihre heutigen Umriss-linien erhielten.
Die Mittelmeerküsten.
So ergiebt sich denn dieThatsache, dass die reiche Glie-derung der europäischen Kü-sten, zumal aber der Kranz von
Inseln, welche jene säumen,gewissermassen das Productder jüngsten Erdumwälzun-gen sind. Am ausgesprochen-sten ist dies wohl im Mittel-meere der Fall. DiesesBecken, welches man mitRecht ein „Culturmeer” ge-nannt hat, bespült die Küstendreier Erdtheile und war so-nach bereits in ältester Zeitder Vermittler von Völker-beziehungen, aus welchenjene bedeutsamen Wandlun-gen, geschichtlichen Vor-gänge und civilisatorischenErrungenschaften hervorge-gangen sind, welche die er-eignisreichen Epochen desAlterthums in sich begreifen.Der Natur, welche Europavon Asien getrennt hatte,trat der Mensch entgegen,welcher die entstandene Kluftwieder überbrückte. Die ersten vermittelnden Etappen warendie Inseln, dann die Halbinseln, welche — wie die balka-nische, italische und iberische — in die blauen Fluthen desMittelmeeres hinausgreifen.
Die Balkanhalbinsel ist das südöstliche Völkerthor von Europa, wie die iberischeHalbinsel das südwestliche, das ponto-kaspische Tiefland das östliche. Zwischen denbeiden ersten und dem letzten besteht indess gleichwohl ein wesentlicher Unterschied;während nämlich hier immer eine einseitige Völkerbewegung, ein beständiges Schiebenund Drängen von Osten üach Westen, doch niemals eine solche Bewegung nach derentgegengesetzten Richtung statthatte, lehrt uns die Geschichte und Völkerkunde,dass auf den beiden genannten Halbinseln die Richtung der Strömungen wechselte.Ueber die Meerengen von Byzanz und Gibraltar sind erobernde Heere und Völkerherüber und hinüber gezogen, bald aus Asien und Afrika nach Europa, bald vonhier dorthin zurück.
Indess machen sich die Erscheinungen dieser Art ungleich intensiv geltend,indem der Balkanhalbinsel diesbezüglich weitaus die wichtigere Rolle zufällt. Denbeiden mächtigsten Eroberervölkern, die es — nächst den hochasiatischen Mongolen
— je gegeben: den Makedoniern und Osmanen, ward jenes Gebiet zum Ausgangs-,beziehungsweise zum Endpunkte ihrer Machtbestrebungen. Die erste Cultur aber,welche der Boden Europas kennen lernte, war die phönikische. Auch sie wurde aufdem Wasser — in erster Linie auf dem Mittelmeere — vermittelt.
Die europäischen Küsten des Mittelmeeres gehören zu dengesegnetsten Strichen der Erde. Begünstigt durch ihre Lagein der gemässigten Zone, stehen sie gleichwohl gewissermassenunter dem Anhauche der subtropischen Region. Landschaft-liche Schönheiten, bei reicher Fülle der Bodenproducte, oder*hochwichtige Handelshäfen mit dem Zudrange der Schiffe allerNationen geben hier den markanten geographischen Typus ab.
— Von Gibraltar bis Malta steigt das Küstengebirge nurmässig an. Dahinter liegt das gesegnete Tiefland von Anda-lusien. Dann folgt die „afrikaartige” Küstenzone, die sich vonMalaga über den Mündungsbereich der Segura bis Almeiraund Alicante ausdehnt. Zwischen Cartagena und Alicante istdie Küste sandig und flach, und alles muthet hier mehr afrika-nisch als europäisch an. Beim Cap Na so beginnt die weiteRundung des flachen Golfes von Valencia. Hier ist das wahreParadies von Spanien. Von den Grenzen des alten KönigreichsValencia bis zur Stadt dehnen sich Gärten, Weinberge unddichte Orangenwälder aus. Weisse, von Terrassen gekrönteVillen und freundliche Dörfer begegnen allenthalben unserenBlicken. Palmen und Granaten wachsen in Reihen, Gruppen undDickichten; Aloe, Kaktus und Zuckerrohr bilden lange Hecken
und überall herrscht üppigsterPflanzenwuchs.
Nordwärts ist die Küsteminder üppig, wenn auch nochimmer fruchtbar. Dort, wo diePyrenäen mit ihrem östlichstenAbsturze ins Meer abfallen,öffnet sich der Löwengolf(Golfe du Lion), in welchen diewasserreiche Rhone mündet,der berühmte HandelshafenMarseille und der grosse fran-zösische Kriegshafen Toulonliegen. Halbwegs zwischen die-ser Küste von Südfrankreichund dem gegenüberliegendenafrikanischen Festlande liegen
Dorf in Südostrussland.
HyS-si]
Küste von Cornwall zwischen Exeter t und Plymouth.