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B. Mitteleuropa.
IV. Die Oesterreichisch-Ungarische Monarchie.
Der Handel der Monarchie ist vermöge deren vorzüglichen geographischenLage ein sehr entwickelter; nur der Transithandel erreicht nicht die von derNatur bedingte Intensität. Der Aussenhandel ist in fortwährendem Aufschwüngebegriffen. Mittelpunkt des internen und Aussenhandels ist Wien, dann zunächstBudapest. Als Seehandelsplätze sind Triest und Fiume von Bedeutung; dieübrigen Küstenstädte spielen nur im Localhandel eine Rolle.
Die wichtigsten Einfuhrartikel sind: Baumwolle, Getreide, Schafwolle,Felle und Häute, Schlacht- und Zugvieh, Leder, Tabak, Schafwollwaaren, Seide,Baumwollgarne, Färb- und Gerbstoffe, literarische und Kunstgegenstände, Seiden-waaren, Kurzwaaren, Flachs, Hanf, Jute, Schafwollgarne, Oele, Petroleum.
Die wichtigsten Ausfuhrartikel sind: Getreide und Hülsenfrüchte, Mehlund Mahlproducte, Zucker, Schlacht- und Zugvieh, Holz, Kurzwaaren, Schaf-wollwaaren, Eisenwaaren, Glas und Glaswaaren, Schafwolle, Holz- und Leder-waaren, Kleidungen und Putzwaaren, Kohlen, Leinenwaaren, Oelsaat, Tabak.
Die Einfuhrwerthe des Seehandels betragen ungefähr 10% des Gesammt-handels, die Ausfuhrwerthe ungefähr 25%.
Alle übrigen statistischen Details sind in der betreffenden Tabelle amSchlüsse des Werkes enthalten.
Die geistige Cultur steht in den einzelnen Ländern der Monarchie auf sehrverschieden hoher Stufe. Es giebt ungefähr 35.000 Volksschulen, welche vonrund 4 Millionen schulpflichtigen Kindern besucht werden. Am schwächsten istder Schulbesuch in Galizien, Dalmatien und in der Bukowina. Mittelschulen,welche fortwährend vermehrt werden, giebt es 465; Universitäten eilf (fünfdeutsche: Wien, Prag, Graz, Innsbruck, Czernowitz — sechs nichtdeutsche:Krakau, Lemberg, Prag, Budapest, Klausenburg, Agram); technische Hoch-schulen acht, eine landwirthschaftliche und eine Handelshochschule.Ausserdem viele Fach- und Specialschulen.
Administrative Eintheilung. Die Königreiche und Länder, welche die Gesammt-monarchie bilden, sind seit dem Ausgleichsvertrag mit Ungarn vom Jahre 1867in zwei Staaten geschieden:
I. Die im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder,
II. die Länder der ungarischen Krone.
Der Schneeberg (Niederösterreich).
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I. Die österreichische Reichshälfte.
1. Erzherzogthum Oesterreich unter der Enns.
(Niederösterreich.)
Flächeninhalt: 19.769 Quadratkilometer; Bewohnerzahl: 2,400.000 (118auf 1 Quadratkilometer). Der Lauf der Donau theilt das Erzherzogthum in eine nörd-liche und südliche Hälfte, welche in früherer Zeit in je zwei Verwaltungsgebiete(Kreise, „Viertel” genannt) zerfielen — Unter und Ob dem Wienerwald, Unter undOb dem Manhartsberg — welche noch heute in gewöhnlichem Sprachgebrauche inUebungsind. Das Land nördlich der Donau ist eine stark bewaldete Hochfläche, den süd-lichen Theil erfüllen die nordöstlichsten Ausläufer der nördlichen Kalkalpen, südlichder Schwarza der östlichste Theil der Centralalpen (Wechsel, 1785 Meter). Diehöchsten Gipfel sind der Sagenreiche Oetscher (1887 Meter), die Heukuppe in der
Raxalpe (2003 Meter) und der Schneeberg (2074 Meter). Den nordöstlichen undwestlichen Theil nehmen kleinere Ebenen (Marchfeld, Wiener-Neustädter Steinfeld)ein, an der ungarischen Grenze verläuft das Leithagebirge. Auch ein Theil des Donau-gestades („Tullner Feld”) ist eben. — Die Donau bildet viele und grosse Auen,namentlich zwischen Tulln und Korneuburg und unterhalb Wien (Lobau). Die be-deutendsten Nebenflüsse kommen sämmtlich von den Alpen herab: die in ihremUnterlaufe gegen Oberösterreich die Grenze bildende Enns, die Ybbs, Erlaf,Traisen und Wien; ferner (mit östlicher Abflussrichtung) die Schwechat undSchwarza mit mehreren Zuflüssen. — Zwei Seen sind wegen ihrer Naturschön-heiten bemerkenswerth: der Erlafsee unweit von Maria-Zell und der Lunzerseeim Oetschergebiet. Die Fruchtbarkeit des Bodens ist mittelmässig; im oberen Traisen-thal wird die Eisenindustrie schwunghaft betrieben. Nächst Wien ist Wiener-Neustadtdie bedeutendste Industriestadt des Landes.
Wien (mit den Vororten [1885] 1,252.000 Einwohner),
Haupt- und Residenzstadt der Monarchie, in ausgezeich-neter geographischer Lage im Herzen des Gesammtstaates,an dem grössten mitteleuropäischen Strome und an derwichtigsten nordsüdlichen Verkehrsader (Krakau-Triest), diewichtigste Handels- und grösste Industriestadt des Reiches undeiner der ersten Geldmärkte von Europa. — Die Ortslage
von Wien bezeichnet einenbedeutsamen militärischenSchlüsselpunkt, Beweisdessen die zahlreichenKämpfe, welche hier ver-fielen und zu wichtigen Ent-scheidungen führten (seitder Römerzeit 70 grössereTreffen und Schlachten).Niederösterreich mit Wienbildete den Krystallisa-tionspunkt(„ Ostmark”), umden sich die anderen Ge-bietserwerbungen in fastregelmässiger Anordnunglagerten, gleich den Jah-resringen eines Baumes.
In Bezug auf die land-schaftliche Lage und diemoderne bauliche Ent-wickelung ist Wien un-bestritten die schönste dereuropäischen Grossstädte.Um den Kern der „InnerenStadt” (I. Bezirk) schlingtsich die herrliche Ring-strasse mit langen Reihenprächtiger Palastbautenund den vorzüglichstenöffentlich en Gebäuden: der
Der Franzens-Ring in Wien.
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