C. Ostasien. — I. Das Kaiserreich Japan.
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Industrie. Der grosse Reichthum Japans an mannigfaltigenNaturproducten in Verbindung mit einer hochentwickelten In-dustrie ermöglichte es, dieses Land durch Jahrhunderte vonder übrigen Welt abgeschlossen zu erhalten. Japan konnte trotzseiner starken Bevölkerung auf sich selbst angewiesen bleiben,weil es alle Lebensbedürfnisse durch sich selbst zu deckenvermochte, eine Erscheinung, welche in der Geschichte derMenschheit völlig vereinzelt dasteht.
Manche japanische Industrie-Erzeugnisse haben Weltruf erlangt und sind seitder Erschliessung des Landes Gegenstände des Welthandels geworden. Hierzugehören:
Die Bronze-Industrie (Hauptsitz derselben ist Kioto), und zwar: Bronze-vasen mit Relieffiguren in verschiedenen Metallen, Beschläge von Schwertern, Messing-griffe, Dosen, Knöpfe, Pfeifen, monumentale Figuren und sonstige Kunstwerke vonhöchster Vollendung. Die Preise sind mässig.
Die Papier-Industrie. Das japanische Papier ist ein Unicum in seiner Artund findet, seiner vorzüglichen Eigenschaften wegen, die weitgehendste Verwendung.Das Papier wird grösstentheils ausder Rinde des Papiermaulbeerbaumes(Broussonetia papyrifera, B.Kaempferi)hergestellt. — Eine besondere Papier-sorte ist das sogenannte Lederpa-pier, welches häufig die feinen euro-päischen Lederarten ersetzt. Der so-genannte Lederdruck ist eine altejapanische Erfindung und wird in denschönsten Dessins hergestellt.
Keramik. In dieser Industriesind die Japaner nicht nur den Chi-nesen, sondern in mancher Beziehungauch den Europäern überlegen. DerFormenreichthum der Kunstgegen-stände ist unerschöpflich. Die Haupt-niederlagen für Porzellanartikelbefinden sich auf der Insel Desimabei Nagasaki. Die Vorräthe sind gross-artig. Ungeheure Vasen und Tellerbis zu einem Durchmesser von einemMeter bilden die Capitalstücke. BeiExportartikeln ist der ausländische(zumal europäische) Geschmack be-rücksichtigt.
Lackwaaren. Von diesemArtikel gilt die Regel, dass die min-deste Sorte der japanischen Lack-waaren immer noch den besten euro-päischen an die Seite gestellt werdenkann. Der Lack wird aus dem Firniss-baum (Rhus vernix, von den Japanern„Oruschi” genannt) gewonnen. FeineLackwaaren erhalten 30 bis 40 An-striche, weshalb die Anfertigung oftüber ein Jahr in Anspruch nimmt;schon aus diesem Grunde sind siesehr theuer.
Seidenstoffe. Sie sind vonausserordentlicher Güte und bildeneinen wichtigen Ausfuhrartikel; alsletzterer ist die Rohseide von aller-grösster Bedeutung. Seide und Theebilden überhaupt die wichtigsten Ex-portartikel.
In der Textil-Industrie Japansspielen eine Anzahl Faserpflanzeneine bedeutende Rolle, unter anderendie Besenpalme, deren Fasern zugröberen Geweben und Flechtwerkverarbeitet werden. Die wichtigste,den Gewerben dienstbar gemachteNutzpflanze ist der Bambus; seineVerwendbarkeit wird von keinerPflanze der Erde auch nur annähernderreicht. Aus ihren Stämmen bautman Häuser, Brücken, Zäune; manerzeugt Einrichtungsstücke, Acker-geräthe, Waffen, Kochgeschirre, Mu-sikinstrumente, Trinkgefässe; aus den Fasern flicht man Matten, Körbe, Hüte, webtKleiderstoffe und Vorhänge; man verarbeitet den Bambus zu Essbestecken undMalerpinseln, schabt ihn zur Füllung von Polstern, und neben alledem gebenBambussprossen auch ein wohlschmeckendes Gemüse.
Aus der japanischen Baumwolle wird der Hauptkleiderstoff der Bevölke-rung erzeugt.
Der Handel. Die jahrhundertelange Abgeschlossenheit Japanslegte die angeborene Befähigung des Volkes zur Handels-thätigkeit vollständig lahm. Seit dem vierten Jahrzehent des17. Jahrhunderts beschränkte sich aller japanische Handel aufden Localverkehr, d. i. auf die Küstenschifffahrt; Schiffe langerFahrt waren gar nicht vorhanden. In den letzten Jahrhundertenist es — nicht ohne kriegerische Zwischenfälle — den erstenseefahrenden Nationen des Abendlandes gelungen, die Ab-geschlossenheit des Inselreiches zu durchbrechen und schritt-weise Handelsconcessionen zu erringen. Die Japaner begriffenindess bald die Bedeutung der neugeschaffenen Lage undnahmen nun activ an einer Reformarbeit Antheil, welche in
Japanische Mädchen.
mancher Beziehung überstürzt sein mag, im Grossen und Ganzenaber die aussergewöhnliche Befähigung der Japaner für denallgemeinen Culturfortschritt an den Tag gelegt hat. Eine inter-nationale Handelsfreiheit besteht indess noch immer nicht. InFolge einer Reihe von Verträgen sind derzeit die nachfolgen-den Seehäfen den Europäern und Nordamerikanern geöffnet:Kanagawa (Yokohama, Bai von Jeddo), Hakodade (Jesso),Nagasaki (Kiusiu), Njigata (Nordwestküste von Hondo),Osaka und Hiogo (Hondo) und die Stadt Tokio (Jeddo).
Die Zahl der Handelsschiffe Japans betrug 1884 1734,darunter 88 Dampfschiffe.
Werth der Einfuhr.122 Millionen Mark
l8 o, , „ » Ausfuhr ..151 _ „ „
5 ' Länge der Eisenbahnen .... 559 Kilometer„ „ Telegraphenlinien . . 8933 „
Länderbestand, Verwal-tung: 1. Japanische Inseln284.283 Quadratkilometer,circa 38,500.000 Einwohner;2. Jesso und Kurilen 93.252Quadratkilometer, 163.000Einwohner; 3.Liu-kiu-Inseln4828 Quadratkilom., 310.000Einwohner; 4. Bonin-Inseln84 Quadratkilometer, 16oEin-wohner; zusammen 382.447Quadratkilomet., 38,973.160Einwohner.
Das Gesammtreich wird in einegrosse Zahl von „Ken” (Bezirke)eingetheilt, doch wird dieselbe auspolitischen Gründen von Jahr zu Jahrvermindert, so dass bestimmte An-gaben hier nicht gemacht werdenkönnen. — Die Liu-kiu-Inseln(seit 1872 dem Reiche einverleibt)sind von einem Vicekönig („Uo”),welcher jeweilig vom Mikado ernanntwird, regiert.
Die oberste Staatsgewaltbefindet sich in den Händen desMikado (Kaisers), welcher den Wi-derstand der einst mächtigen Feudal-fürsten (Daimios) brach. Bis zum Jahre1869 theilten sich das politische Ober-haupt (der Mikado) und das geistlicheOberhaupt — der „Schiogun” — indie Herrschaft des Landes. Nacheinem langwierigen Bürgerkriege, wel-cher in der dreitägigen Schlacht amJodogawa bei Kioto (28. bis 30. Ja-nuar 1868) zu Gunsten des Mikadoausgefochten wurde, war die Machtdes Schiogun für immer gebrochen.
Der gegenwärtige Mikado (der122. in der Reihe) — Mutsu-Hito(geb. 1852), gelangte 1867 auf denThron und hat seitdem das grosse Re-formwerk in ruhige Bahnen geleitet.
Der Regierungsapparat ist nochfortgesetzt Umgestaltungen unterwor-fen. Bis zuletzt lagen die Regierungs-geschäfte in den Händen des „Ober-sten Regierungshofes”, welcherin drei Kammern getheilt war: indas Hofconsilium, den Staatsrath undden Ministerrath; letzterer war ausneun Ministern zusammengesetzt. An-gelegenheiten von grosser Wichtig-keit werden im „Grossen Rath”,dem der Mikado präsidirt, entschieden.
Stärke der Armee im Frieden (1886): 69.388 Mann — im Kriegsfälle: 120.000.— Kriegsschiffe (1885): 35, hiervon 5 Panzerschiffe.
Die wichtigsten Städte des Reiches sind:
Auf Hondo:
Tokio (früher Jeddo, Yeddo oder Jedo) — 914.000 Ein-wohner, mit den Vororten 1,042.000 — seit 1869 Residenz desMikado, eine der ausgedehntesten Städte der Welt, daher mit-unter das „Babylon des Ostens” genannt, 37 Kilometer imUmfange. Die Stadt wird vom Ogawa (dem „grossen Fluss”)durchströmt und dadurch in zwei natürliche Abschnitte getheilt;östlich des Flusses liegt die Handelsstadt Hondscho, westlichSchiwa. Hieran schliessen gegen Westen der Soto-Siro (dasfrühere Quartier der Daimios, derzeit noch immer entvölkert)und Siro, gegen Süden Hamagoten und Sinagawa, inwelch letzterem Stadttheile der Bahnhof der EisenbahnlinieTokio-Yokohama liegt. Das sind indess nur die Hauptabschnitteder Riesenstadt; zahllos sind die kleineren Quartiere, welche
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