Buch 
Cicero's Tusculanen / übersetzt und erklärt von Dr. Raphael Kühner
Entstehung
Seite
2
JPEG-Download
 

2

Einleitung-

erste Liebe zu dieser Wissenschaft wurde bei ihnen in jener Zeit ange-facht, als die drei Griechischen Philosophen, der Akademiker Karneades ,der Peripatetiker Kritolaus und der Stoiker Diogenes, von Athen alsGesandte nach Rom geschickt wurden (156 vor Chr.). Aber der alteMarcuS Porcius Cato , jener strenge Römer, ganz in der alten Zuchtund Sitte der Römer aufgewachsen, besorgt, dle Römische Jugendmöchte durch leidenschaftliche Liebe zu den Wissenschaften der Strengeder alten Zucht, welche die kriegerische Verfassung des Staates noth-wendig erheische, entfremdet werden und, von Griechischer Bildungerfüllt, sich mehr der Ausbildung des Geistes als einem thatkräftigenLeben hingeben, setzte es durch, daß die Gesandten wieder nach Hausegeschickt und ein Senatsbeschluß gefaßt wurde, daß Griechische Phi-losophen sich nicht in Rom aushalten sollten. Doch trotz der Bemü-hungen Cato'S und anderer um das Wohl des Vaterlandes ängstlichbesorgter Greise das durch die Beredsamkeit und Weisheit jenerGriechischen Philosophen angezündete Lickt der Wissenschaften wiederzu verlöschen und das Streben nach höherer Bildung in seinem Beginnezu ersticken konnte es nickt fehlen, daß der in den jugendlichen Ge-müthern ausgestreute Samen seine Früchte trug. So sehen wir, daßspäter Männer, wie Asricanus der Jüngere, Lälius , Tubero, Scävola,Furius und andere, welchen jene Griechen Liebe zur Philosophie ein-geflößt hatten, diese Wissenschaft mit Liebe erfaßten und mit Griechi-schen Philosphen in vertrautem Verkehre standen.

Als das Römische Reich immer mehr an Umfang und Machtwuchs, strömten unermeßliche Schätze und Reichthümer nach Rom , unddie Folge davon war, daß Ueppigkeit, Prachtliebe, Schwelgerei undalle bösen Begierden und Leidenschaften sich der Gemüther bemäch-tigten und eine große Sittenverderbniß bewirkten. Sowie in diesenZeiten bei dem Ueberflusse an Allem in den Menschen von niedrigerund gemeiner Denkweise Schwelgerei und Genußsucht hervorgerufenwurde, so regte sich in den edeleren Geistern ein großes Verlangennach höherer geistiger Bildung. Philosophen fast von allen SchulenWanderten aus Griechenland nach Rom , fanden daselbst in den Häu-sern der vornehmsten Männer freundliche Aufnahme und erfreuten sichihrer Gunst und ihres Schutzes. Unter den Schulen, die in Rom diemeisten Anhänger gewannen, sind besonders zwei zu nennen, die in