Wenn heute nach dreissig Jahren zuerst wieder ein T ext des Par-menideischen Gedichtes vorgelegt wird, so ist es für jeden, der die Ent-wickelung unserer philologischen Kritik mit wachem Sinne verfolgt hat,von vornherein klar, dass die neue Ausgabe sich wesentlich andere Zielestecken muss als die von H einrich Stein in der Symbola philologorumseinem Lehrer Ritschl dargebrachte Festgabe. Die damalige Generationhoffte noch ihre Texte, die sie mit virtuosem Scharfsinn behandelte, derursprünglichen Gestalt, wie sie aus den Händen der Meister hervor-gegangen, wiedergeben zu können, und die Forderungen, die man an dieIdealität und Vollendung der classischen Werke stellte, waren so hohe undder modernen Anschauung zugleich so entsprechende, dass man begreift,wie jenes hochgemute Geschlecht vor keinem Wagnis zuriickschreckte,wenn es nur ,methodisch“ begründet werden konnte. So hat sich dennauch das Gedicht des Parmenides gefallen lassen müssen durch Emen-dationen, Umstellungen, Annahme von zahlreichen Lücken und, wo allesversagte, durch A thetese n auf den Gipfel ästhetischer Vollkommenheitgehoben zu werden, welche damals im J. 1867 ein griechischer Dichter, 1der Pindars und Aischylos ’ Zeitgenosse w r ar, nicht vermissen lassen durfte.
Der vorliegende Text ist bescheidner im Wollen und im Vollbringen.Er sucht nicht durch den Rösselsprung veränderter Versfolgen w’ie1. 2. 3. 17. 18. 19. 20. 21. 4. 5. 6. u. s. w. den ehrwürdigen Eleatenauf die Höhe der ,Moderne“ zu heben noch durch Athetesen und Con-jecturen seinen eckigen Versen eine Politur zu geben, die sie nun ein-mal nicht gehabt haben. Sondern si e wil l schlicht,verstehen was über-liefert ist und wie es überliefert ist. Ein solcher Text, nur mit demallernötigsten kritischen Beiwerk versehen, war anderer Stelle zugedacht.Aber ich fürchtete, dies struppige Gebilde möchte von denen, die seitdreissig Jahren an ganz andern Glanz gewöhnt sind, verkannt und mis-deutet worden. So hielt ich es für Pflicht zu sagen, wie icli die Verse| verstehe, zunächst in einer einfachen Paraphrase, und da auch dies invielen Fällen bei einem wirklich schweren Dichter nicht ausreichend
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