Buch 
Parmenides Lehrgedicht : Griechisch & Deutsch ; mit einem Anhang über griechische Thüren und Schlösser / von Hermann Diels
Entstehung
Seite
21
JPEG-Download
 

Es wird klar geworden sein, dass die Conception der llimmelsreisesammt den einzelnen Details nicht originell empfunden oder erfundenist, sondern auf der ekstatischen Poesie der vorangehenden Reformations-epoche beruht. AAenn Sceptiker an unserer Verbindung mit denOrphikern Anstoss nehmen wollten, die für Parmenides nicht hinläng-lich bezeugt sei, so darf daran erinnert werden, dass auch der mit demPythagoreismus eng verbundene Apollocult Unteritaliens damals AVunder-männer wie Abaris^den Hyperboreer und vor allem Aristeas aus Prokon-nesos in seine Sphäre gezogen hat. Das EposApijJwtaueia, das demAristeas als «otßoX'zp-ro; (Herod. 4,13) zugeschrieben wird, zeigt dieselbeVerbindung ionischer (sTopir, mit religiöser Ekstase, wie die orphischenKosmologien u. dgl. So verhält sich natürlich auch der Name Aristeas nicht anders zu jenem Reiseepos wie Orpheus zur Rhapsodie, Epimenideszur Theologie, Kadmos zur Chronik, Aloses zum Pentateuch und Apicius zum Kochbuch. Da Parmenides mit dem ßi'o; lloöayopsto? euge Be-ziehungen unterhalten hatte, so konnte ihm diese ganze Litteratur unmög-lich unbekannt geblieben sein. Aber was ihn von allem diesem orphischen,pythagoreischen, ekstatischen AA r esen trennt, das ist sein Rationalismus,der nur noch die äussere Form, nicht mehr den Inhalt der Mystik aufsich wirken lässt. AVie daher der weltlich und, wenn man will, ratio-nalistisch gesinnte Sänger des ionischen Epos die Bauernreligion über-wunden hat und nur noch in ganz verblassten Formeln an die alteMusenbegeisterung (ättö Mooatöv xatoxuty-/; re xai pavcciV) erinnert 1 , sostellt die Himmelfahrt des eleatischen Philosophen nur ein sehr ver-dämmertes Abbild der ekstatischen Prophetenlitteratur der voraufge-gangenen Epoche dar. AA T enn sein Nachahmer Empedokles trotz dieserabsichtlichen Zuriickdriingung des A'isionären an der Offenbarung desParmenides frommen Anstoss nahm, so ist das ein wenig Heuchelei.Empedokles stellt sich im Beginne seiner Physik so bescheiden, sozweifelnd, so empirisch; er bittet die Götter ihn vor dem AVabnsinn derZunge zu bewahren; aus dem Reiche der Eossßct« möge die Aluse ihmden AA'agen senden; nicht höher als menschliche Einsicht reicht, sollPausauias, dem er das Epos widmet, von ihm geführt werden. Und dochwird dieser nüchterne Lehrer im ATrlaufe des Gedichtes zum Dogmatiker,zum Propheten, ja zum Gotte (129 St. vgl. Bidez Biographie dEmped.

1 In alter Stärke erscheint sie in der ganz einzig dastehenden Vision des Maxi-mus, s. Kaibel S. B. d. Berl. Ak. 1895, 781.