Genie und Irrsinn. 15
den Meister Caracci übertraf, bald hinter Tintoretto selbstzurückblieb."
Mit vollem Recht sucht mithin der Professor D'Ovidiodie Widersprüche nnd Ungleichheiten, welche sich im StyleLassos finden, mit den eignen Worten des Dichters zu er-klären. „Ist der Moment der Begeisterung vorüber," be-kennt dieser, „so verwirrt sich mein Geist; ich bin dannnicht mehr fähig, Neues und Gutes zu schaffen, das Schönevom Unschönen zu unterscheiden." (Stuäi eritiei, Mxoli1880, S. 95).
Es ist ferner wahr, daß niemand mehr einem Narrengleicht, als ein genialer Mensch, der in der Bildung seinerIdeen begriffen ist.*) — Wir bedienen uns der Worte desUsvsiUs-?s.riss, welcher sich folgendermaßen ausdrückt:„Diese Ähnlichkeit tritt hervor, wenn man die schwachen undunregelmäßigen Pulsschläge beobachtet; dieselbe äußert sichauch durch die Blässe und niedrige Temperatur der Haut,durch die Erhitzung des Kopfes, durch den glühenden Blickund die Verdrehungen des Augapfels. Ist der Augenblickdieser intensiven Geistesarbeit vorüber, so begreift der Ver-fasser oft selbst nicht mehr, was er schuf."
Als Marini seinen ^.äons schrieb, merkte er nicht, daßer sich den Fuß heftig verbrannte. Lasso glich einem Be-sessenen, wenn er dichtete (siehe Bertinelli, Werke). VieleDichter, wenn sie sich zur Arbeit anschicken, bringen sichabsichtlich und auf künstliche Art in geistige Erregung. Sosetzte Schiller die Füße in Eiswasser, wenn er dichtete; Pitt undFox bereiteten ihre Reden vor nach übermäßigem Genussevon Porterbier; Paisiello , wenn er komponierte, hüllte sichin unzählige Decken; Milton und Carthesius vergrubendas Haupt in die Sofakissen, und Bossuet Pflegte sich in einkaltes Zimmer zurückzuziehen, nachdem er sich den Kopf mit
^ *) Wir erinnern nur an daS lateinische Sprichwort: „Lut insaui