Hochgeehrte Versammlung!
Wenn es mir vergönnt war, eine Zeit lang in dem Landezu weilen, welches der Sprachgebrauch der neueren Völkereinstimmig das klassische zubenannt hat, und meine Studien,welche auch vorher hauptsächlich auf die Geschichte, Spracheund Sitten seiner vorchristlichen Bewohner gerichtet waren,dort in der Anschauung der wunderbaren Reize der Natur,sowie der Trümmer vergangener Herrlichkeit fortzusetzen —,so werden Sie es natürlich finden, daß ich für den Vortragdes heutigen Abends grade hieran anknüpfend einen Ge-genstand zur Betrachtung gewählt habe. Demnach bitte ichSie um die Erlaubniß, Sie auf eine kurze Weile zu einerkleinen Reise auffordern zu dürfen nach einer der Hauptstättengriechischer Cultur und Gottesverehrung, nämlich nach demalten Delphi und seiner Umgebung.
Fast in dem Mittelpunkte des griechischen Festlandes, deseigentlichen Hellas, erhebt sich nahe über dem korinthischenGolfe eine mächtige breitgelagerte Gebirgsmasse, der Parnaß.Dem gefeierten Namen des Berges entspricht sein äußererAnblick; schon von Weitem ragen dem Seemann bei derEinfahrt in den Meerbusen die Doppelhäupter entgegen,welche seine Spitze bilden und selbst im hohen Sommer mitSchnee bedeckt, sich am heiterblauen Horizonte glänzend ab-spiegeln. Die Landschaften Lokris und Phokis machen dasHauptgebiet des fast viereckigen Gebirgslagers aus, welchesnur im Westen mit den Gebirgen Aetoliens verschlungen,gegen die übrigen Seiten hin meist sehr steil abfällt. Dieser