30
fragte, auf welche Weise eine sie heimsuchende Pest oderSeuche zu vertreiben sei, so wurden ihr Sühnopfer irgendeiner Art vorgeschrieben; denn jede Landplage galt alsStrafe der Götter für ein von der Gemeinde begangnesschweres Verbrechen. So wallfahrtete schon Lajos, Königvon Theben, des Oedipus Vater, zum Orakel, als dieSphinx dieThebaner in Schrecken setzte, und Oedipus selbstfragte nicht, wie man gewöhnlich annimmt, wo er seinenihm unbekannten Vater finden würde, sondern nur wohiner, als Heimathloser, sich wenden solle; worauf der Gott:er möge seine Vaterstadt meiden. Bekämpften sich in einerStadt die politischen Parteien, so finden wir nicht selten,daß der Gott eine Verfassung anbefiehlt, wovon das glän-zendste Beispiel ja - die Gesetzgebung des Lykurgos bietet,welchen die Pythia bei seinen: Eintritt«: in den Tempelmit den sein Ansehn entscheidenden Worten grüßte: ich weißnicht, ob ich dich einen Gott oder einen Menschen nennensoll. Noch öfter jedoch gab die Pythia als das sichersteMittel zur Ruhestiftung unter entzweiten Parteien die Aus-wanderung des einen Theils an, und da das ohnehinwanderungslustige Griechenvolk einen solchen Befehl alseinen Gottesrath unbedingt heilig hielt, wurde Delphi gradehierdurch die Stiftern: unzähliger griechischer Colonieu in:Osten und Westen von Hellas. Und wenn dann die Grün-dungen der Ausgesandten, wie meistens der Fall, zu großenund blühenden Städten heranwuchsen, welche an Prachtund Ueppigkeit das Mutterland zuweilen überstrahlten, sosehen Sie nun wohl, mit welchen: Recht man das Orakelals den gemeinsamen Heerd griechischer Nationalität betrach-ten konnte. Daß aber eine solche Entwicklung der Machteines Heiligthums, verbünde:: mit den allmälig dort auf-gehäuften Reichthümern, welche der fromme Sinn der Got-tcsverehrer als Geschenke bei den Anfragen dargebrachthatte, nicht gar lange bestehen konnte, ohne den Neid wenig-