7
gewöhnlich bei diesem Namen denken, ganz verschieden: ein inDem Heiligthum ves Dionysos an dem Feste des Gottes auf-geführter Chortanz und Chorgesang, verherrlichend die Gottheitselbst und ihre Geschichte: eine rein gottesdienstliche Handlung.Uebrigens beschäftigte die Abfassung unv Anordnung solcher Di-thyramben die begabtesten Dichter; denn nur wer selbst desGottes voll ist, kann im Liede Gottesbegeisterung ausdrücken.Ich kann Ihnen hier einen Ihnen bekannten und befreundetenNamen nennen. Arion, der Töne Meister, in dessen Handdie Cither lebt, den nach der lieblichen Sage ein Delphin ausdem Flutengrab rettete, dieser Arion dichtete und komponierte solcheDithyramben; die Alten berichten, daß er zuerst dieses Chor-lied künstlerisch bearbeitete und ihm eine stehende Form und Re-gel gab. Er lebte schon im Vll. Jahrhundert vor Christus.
Wie sich nun aus diesem Dithyrambos nach und nachdie Tragödie entwickelt habe, oder, genauer gesprochen, wie sichdiese einfache, lyrische Tragödie, der Dithyrambos, zu der dra-matischen Tragödie ausgebildet, das können wir hier nicht Schrittfür Schritt verfolgen. Hingegen können wir an diesem Dithy-rambos bereits die Bedingungen seiner Fortbildung zur drama-tischen Tragödie erkennen; und ich will es versuchen, Ihnen dieKeime an diesem Chorlied zu zeigen, durch deren Entfaltungunter der herrlichen Pflege des athenischen Kunstsinnes ausdem Dithyrambos die Tragödie entstehen mußte.
Hier ist vorerst der Umstand zu beachten, daß schon sehrfrüh der Dithyrambos nicht vom Anfang bis zum Ende durch-weg vom gesammten Chor gesungen wurde, sondern daß derChorführer, das erste Mitglied des Chores, stellenweise alleinsang. Es war somit nicht mehr ein fortlaufender Chor, son-dern ein Wechselgesang von Chor und Recitativ. Der Chor-führer hatte auch seinen besondern Platz; er stand nicht nebenden übrigen Choreuten, sondern auf einem Tisch; auf dem Tischenämlich, auf dem das Opferfleisch zerlegt wurde, der folglichursprünglich nicht zum Standort des Chorführers bestimmt war,der sich aber gewissermaßen von selbst als das natürliche Mit-