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Ueber die griechische Tragödie / von Dr. J. Frei
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die dramatische Poesie wirklich nicht bloß bei den Griechen, son-dern wol auch bei allen andern Völkern zu allererst die Religionund den Cultus zu ihrem Stoff gehabt und aus religiösen Feiernsich entwickelt hat. Auch in dem christlichen Cultus, der üb-rigens schon aus dem Heidenthum viele symbolisch-dramatischeElemente in seine Ceremonien aufgenommen hatte, finden wirin den frühesten Zeiten Wechselgebete zwischen Priester und Ge-meinde, wie im dionysischen Cultus Wechselgesänge zwischenChorführer und Chor; und wie hier, so nahmen auch dort dieseWechselgebete, denen eben auch eine Art Rollenvertheilung zumGrunde lag, bald einen eigentlich mimischen Charakter an, be-sonders am Osterfeste. Anstatt das Evangelium einfach vor-zulesen, lag es den Priestern sehr nahe, sich in die Rollen zutheilen unv dasselbe darzustellen, wie der Chorführer und derChor sich in die Rollen des Dithyrambos theilten und des Got-tes Geschichte darstellten. Einen Schritt weiter, und dieser christ-liche dramatische Gottesdienst wird zum gottesdienstlichen Drama.Unter dem Singchore in der Kirche wird eine Bühne aufge-schlagen, und die Geistlichkeit führt an den hohen Festtagen,besonders zu Ostern, vor dem Volke religiöse Schauspiele auf.Christus selbst, seine Apostel und alle betheiligten Personen stan-den da in leibhaftiger Erscheinung vor den Augen der Zuschauer.Diese Schauspiele waren natürlich, als kirchliche und gottes-dienstliche Scenen, in der gottesdienstlichen, d. h. der latei-nischen Sprache abgefaßt; allein bald fieng man in Deutsch-land an, zu gründlicherer Erbauung der Laien, deutsche Stropheneinzuschicken; uno mit der weltlichen Sprache drangen dann auchimmer mehr weltliche Elemente in diese Dramen. Und mitderselben, vielleicht mit noch größerer Andacht, als diese so-genannten Mysterien aufgeführt wurden, wohnte das frommeVolk denselben bei, das sonach in der Kirche die dramatischeKunst zuerst kennen lernte.

Ein Volk, das seinen Sinn frei behalten hat für die Ein-drücke einer großartigen Natur, und das in kindlicher Einfach-heit an einer alten, frommen Sitte festhält, erbaut sich noch