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Ueber die griechische Tragödie / von Dr. J. Frei
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anders, als Ihnen ein sophokleisches Stück in einer möglichstkurzen Analyse vorführen. Eine solche undramatische Darstel-lung eines Dramas ist freilich etwas höchst Undankbares; derDichter kommt dabei sehr in Nachtheil. Wenn Sie das Stückunbefriedigt läßt, so ist jedenfalls nicht Sophokles Schuld daran.

Stellen wir uns vor, wir gehen im Jahr 440 oder 441vor Christus in Athen ins Theater, um der Darstellung derAntigone beizuwohnen. Da sich drei Dichter um den Kranzstreiten, von denen jeder drei Stücke zur Darstellung bringt,so beginnen die Vorstellungen am Morgen schon und dauernso ziemlich den ganzen Tag. Wir bleiben aber nicht so langeim Theater; ich will zufrieden sein, wenn Sie bis zum Schlußder Antigoue ausharren. Wir lösen unsere Eintrittskarte; sieist sehr massiv und solid, von Elfenbein gearbeitet, und ent-hält den Namen des Gefletzes, in welchem wir zu sitzen gedenken.Wir treten entweder durch die Seiteneingänge der Orchestrains Theater, da wo bei uns die Zugänge zum Orchester undzu den Sperrsitzen sind; oder ganz hinten vorn Rücken des Hü-gels her durch eine der Thüren in der Abschlußmauer der Sitzreihen.Wir setzen uns nicht auf die vordersten Stufen; denn dies sindreservierte Plätze für die fremden Gesandten und dergleichen; esist auch weit schöner auf den Hintern Reihen, wo man überdas Theatergebäude hinaus in die freie Natur umherschauenkann. Wir dürfen nicht fürchten, die Schauspieler oder Sängernicht zu verstehen; denn das Theater ist in akustischer Beziehungvortrefflich gebaut, und die Maske, die jeder Schauspieler trägt,hat eine sehr weite Mundöffnung, so daß sie den Ton derStimme eher zu verstärken als zu dämpfen geeignet ist. Auchist durch den Kothurn, eine Fußbekleidung mit sehr hohen Soh-len, welche alle Schauspieler tragen, dafür gesorgt, daß unsdiese aus der Entfernung nicht zu klein erscheinen. Schauspie-lerinnen (beiläufig gesagt) gibt es auf der griechischen Bühnekeine zu sehen; auch die weiblichen Rollen werden von Män-nern gespielt. Ein Vorhang ist nicht da, wir sehen sogleichauf die Bühne. Der Hintergrund stellt den königlichen Palast