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Ueber die griechische Tragödie / von Dr. J. Frei
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entschlossen, dem weltlichen Gesetze Kreons zu trotzen, um einemGesetze zu folgen, das in ihrem Herzen lebt, das von der Gott-heit selbst in ihr Inneres gelegt ist. Unerwartet und unbegreif-lich ist ihr, daß die Schwester anderer Meinung ist; unzufriedengeht sie ab, um allein auszuführen, was sie als recht erkannt hat.

Nun tritt durch den einen Seiteneingang der Orchestrader Chor ein; er stellt dar eine Versammlung von fünfzehnehrwürdigen thebanischen Greisen, welche Kreon Herbeschiedenhat, gewissermaßen die Vertreter des thebanischen Volkes. Nach-dem sie die Orchestra in verschiedenen Richtungen langsam undgemessen durchschritten, gruppieren sie sich auf derselben. Wäh-rend dieses geschieht, begrüßen sie in ergreifendem Gesänge denTag, der den Thebanern den Sieg gebracht und deren stolzenFeinden den Untergang. Das Unglück, welches das Königs-haus betroffen, berührt der Chor nur oberflächlich; ihm ist dieRettung der Stadt die Hauptsache. Der Dichter stellt unsdurch diesen Gesang auf einen andern Standpunkt, als derje-nige der Antigone ist. Ihr ist der Sieg gleichgültig gegen-über dem Leiv, das ihr Herz betroffen hat durch die harte Ver-fügung Kreons gegen ihren theuren Bruder; den Greisen aber,den Vertretern des Volkes, tritt jenes Familienunglück in denHintergrund vor ihrer Freude über die glückliche Beendigungdes Krieges.

Wieder öffnet sich die königliche Pforte, d. h. die Mittel-thüre des Palastes; Kreon selbst erscheint, der neue Herrscher,auf dessen Ruf die Greise erschienen sind. Er eröffnet ihnengewissermaßen seine Regiedttngsgrundsätze, welche uns mit ban-ger Sorge um das Schicksal der hochherzigen Antigone erfüllen.Er erklärt, daß er fest entschlossen sei, ausschließlich dem Ge-nüge zu leisten, was der Staat ihm zu fordern scheine, unddaß er dasselbe von seinen Unterthanen erwarte. Keine Rück-sichten werden ihn abhalten, die Interessen des Staates zuwahren gegen jedermann, wer es sein möge, und zwar mitder größten Entschiedenheit. Darum habe er auch in Betreffder beiden Bruder verordnet, was wir bereits wissen, und was