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Die Natur des Landes.
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Festen. Die Mandoline, oft begleitet von derGuitarre und den abgemessenen Schlägendes Triangels, begleitet die klagende Weisemit ihren rührenden Molltönen. Schein-bar ungQjmnden und in »arabeskenartigerFreiheit« wogen die Läufe und Wendungendurcheinander, mit wundersamen, bis an dieDissonanz streifenden Uebergängen. DerVortrag bringt in jeder Strophe etwelchcnWechsel derselben Melodie. Die Texte habensich vornehmlich durch mündliche Mitthei-lung fortgepfianzt. Die Bezeichnung dieserLieder als Canzoni d’entrata erinnert schondaran, dass ihre eigentliche Bestimmung ist,vor dem Haus gesungen zu werden, in offe-ner Thur. Der wahre Improvisatore hat zuMinco la pietra della poesia (Contrada Ca-muti, Villa di Paolo Maura) den »Stein derDichtkunst« geküsst; an Festen Lind beimWein umzingelt ihn das wannfühlende Volk,und zuweilen kommt es hier bis zum dich-terischen Zweikampf, la tenzone, einer Her-ausforderung inVersen, und zwar auch zurLösung schwieriger dichterischen Aufgaben.An dem Unterliegenden rächt sich das em-pfindliche Volksgemüth: er wird ausgepfiffenund vertrieben. Jetzt singt triumphirendder Sieger seine besten Weisen, oder es er-hebt sich nochmals ein leidenschaftlicherKampf. Die Form der Dichtung ist meistdie Oktave, in welcher sich schon die Kin-der üben. Bin besonderes Vorrecht steht,wie bei den alten Völkern, den Blinden zu,die Repräsentanten der Poesie zu sein. InKapellen und vor Tabernakeln, an denFestender hohen Heiligen und des christlichen Cy-klus, an Ständchen, Hochzeiten und Freu-denfesten hört man sie singen, und wie diealten Rliapsoden werden sie in die Häuseraufgenommen. Von einem Knaben geführt,singen sie meist zur Guitarre oder zur Geige,sei es Hymnen, oder Brautlieder, oder Bri-gantengeschichten. Ja, in Palermo habensie 1661 eine Akademie gestiftet, in der Vor-halle der Casa professader Jesuiten tagend.Vigo hat die Volksgesänge, die nicht denunbestimmten lyrischen Gefühlen huldigen,sondern, obschon reich an Metaphern undBildern, doch stets einen sehr realen Gegen-stand vor Augen haben, in Lieder der Liebe,des Hasses, der Verschmäliung, Eifersucht,Verlassenheit, Entfernung und Hochzeit, inWiegen-, Blumen- und Todtenlieder, heiligeGesänge, Lieder von Briganten, Vendetta,bösen Geistern und Krieg eingetheilt. KeinVolk besitzt grössere Begabung für die Im-provisation als die Sicilianer. Ein von Gre-gorovius übei’setztes Beispiel mag die Artder Dichtung charakterisiren:
Acula, vai vulannu mari mariSpetta, quantu ti dien dui paloriQuantu ti scippu tri pinni d’ali,
Mi cci fazzu 1 na littra a lu me 1 beni;Tutta di sangu la vogghiu lavari,
E ppi sigillu ci metta lo cori;
Quannu la littra 6 spidduta di fari,Acula, portieilla a lu me 1 beni.
Adler, der du fliegst über Meere, Meere,Warte, ich sag’ dir zwei Wörtchen lieb;
Drei Federn aus deinem Flügel will ichnehmen,
Ein klein 1 Briefchen sclireib’ichan mein Lieb.Ganz mit Blut wohl will ich es färben,Setz’ ich als Siegel darein mein Herz.Wenn das Briefchen ich habe gefertigt,Adler, dann trag’ es zu meinem Lieb.
In der gesammten sicilisclien Mundartist die häufige Verwandlung des e in i, desgeschlossenen o in u, besonders in den En-dungen, sogleich auffällig. Die Sprachewird dadurch etwas eintönig und wenigerheiter, daher zur Moll-Melodie geeignet. An-genehmer sind die Milderungen der Konso-nanten, die Verwandlung des b in w nachArt der Spanier, 11 und tt in dd, nd in nn,p und q am Anfang der Worte in ch, z. B.vasciu rr basso, vrancu = bianco, aneddu= annello, biddizzi = bellezzeu. a. Z. B.:Ristau fridda, comu niviPoi pretisi fari scasciuM’eu mi misi tantu vasciuCa di l’occhi ci sparivi.
Sie ist geblieben kalt wie Schnee,Begehrte dann zu nehmen Rache,
Doch legt 1 ich mich so völlig nieder,
Dass ich ihr aus den Augen schwand.
Der gefeiertste Volksdichter Siciliens istPietro Fullone von Palermo, aus dem Anfangdes 17. Jahrh.; seine Gedichte sind über dieganze Insel verbreitet; er war ein ai’incrSteinschneider und Arbeiter auf der könig-lichen Galere (gest. 1670). Die Volksdich-tung ist zugleich ein Spiegel des Volks-charakters. Man erkennt aus ihm die Leb-haftigkeit und Beweglichkeit des siciliani-schen Geistes, das Schnelle der Auffassungund die Leichtigkeit, sich in die verschie-denen Lebenslagen zu finden, die Glut derLiebe und des Hasses, die Rachelust, denungeduldigen Eifer, den Stolz und die Selbst-achtung , den Witz und die Feinheit derEmpfindung, die unnachahmliche Mimik,die selbst die Sprache durchdringt.
(Charakter und Leben der einzelnenStädte s. in den Einleitungen zu denselben.)
Die Natur des Landes.
Sicilien ist die grösste Insel des Mittel-ländischen Meers und die an Naturfüllereichste, gleichsam eine Uebergangsstättevon Italien nach Afrika. Es hat einen Flä-cheninhalt von 29,240 QKil. (532 geogr. QM.)und einen Umfang von 759 Kil. ZwischenTaormina am Ostgestade Siciliens und Sv-baris am Ostgestade der italienischen Halb-insel läuft ein mächtiges Stück einer alpi-nen Centralkette, deren nordöstliche Neben-zone der Apennin bildet und zu derensüdwestlicher Nebenzone Sicilien gehört,während unter dem Tyrrhenischen Meer dietektonische Axo der italienischen Halbinselliegt (vielleicht die Fortsetzung der im Bo-gen gekrümmten Axe der Alpen), welche inihrem gegenwärtigen Zustand nur die ausdem Meer und den jüngeren Ablagerungenheraufragenden Trümmer des grossen alten