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Entartung und Genie : neue Studien / von Cesare Lombroso ; gesammelt und unter Mitwirkung des Verfassers Deutsch Herausgegeben von Dr. Hans Kurella
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ENTARTUNG UND GENIE.

Grund blossen Theoretisirens, hypothetischen Tastens,sondern auf dem Boden des physiologischen Experi-mentes, das die Epilepsie als eine mehr oder wenigerumschriebene R eizung der Hir nrinde erkennen lässt.Klinische Untersuchungen von mir, vouLojacono, Tox-nini, Dotto, Pixero, Ottolenghi und Roncoroni überdas Gesichtsfeld, die persönliche Gleichung, dieTastempfindung, die Handschrift, ferner über ge-wisse gemeinsame Degenerationszeichen, wie Asym-metrien und Anomalien am Schädel, haben dieseAnalogien der Epilepsie mit der Genialität und demVerbrecherthum erweitert.

Wenn man mir nun ferner entgegenhält, »dassdie Inspiration, von welcher die geniale Schöpfungabhängt, nicht immer das Product der sogenanntenEkstase ist, vielmehr das einer minutiösen, gedul-digen, mühevollen Arbeit des Bewusstseins, dass, so-weit das wissenschaftliche Genie in Krage kommt,Dinge wie das Bad des Archimcdes, die Lampe Galileis , der Apfel Newtons, die Blume Göthe's ,der Armadillpanzer Darwins entweder blosse Legen-den oder nichts als zufällige Anstösse von langevorbereiteten Gedankengängen wären«, so lässt sichdarauf Folgendes erwidern: Diese Beispiele entkräftenschon ihre Prämissen, weil auch der corticale Reiz-zustand des Epileptikers sich nicht immer so explosivabspielt, wie es scheint. Er wird langsam vorbe-reitet, z. B. durch eine Vergiftung oder durch einenheftigen Affect, der die Hirnrinde solange reizt, bises zu einer plötzlichen Entladung kommt. Wenndiese uns als etwas plötzliches erscheint, so ist siees doch nicht für den Kliniker, der aus den voraus-gehenden Veränderungen der Physiognomie, denSprachstörungen und Hallucinationen, ja aus chemi-schen Veränderungen des Urins erkennt, dass es sichnur um die letzte Scene eines im prädisponirten Or-ganismus schon lange sich abspielendcn Dramas handelt.