ZUR THEORIE DER GENIALITÄT.
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psychischen Leiden verschmolzen. Züge von Grössen-wahn, von lntoxications - Delirien linden sich fastimmer in den eigenartigen Krankheitsbildern. Diequalvollen Zustände des eigenen Ichs, seine Aengste,1 Iallucinationen, Impulse bilden dann oft den 1 laupt-inhalt der dichterischen Darstellung, und wo daseigene Ich einmal zurücktritt, zeigt sich eine Neigungzur Schilderung von Geisteskranken. I’oe und Baude laire lassen diese Neigung fast überall erkennen,E. T. A. 1 Ioki’mann und Shelley, Lenau und Foscolo schwelgen in der Schilderung moralisch oder intellec-tucll Irrer. *)
Eine Neigung zu einem Wechsel von Zeitenvoller Leben, Phantasiethätigkeit, Expansivität undGlücksgefühl mit Perioden tiefster Verstimmung undvölliger Leistungsunfähigkeit ist ein weiteres, offenbardegeneratives Merkmal irrer Genies.
Nun sind, wie ein Rückblick auf unsere allge-meinen Angaben über psychopathische Erscheinungenbei genialen Menschen zeigt, alle diese Merkmale irrerGenies nur Steigerungen oder carrikirte Formendessen, was den genialen Menschen in allen seinenanderen Varietäten kennzeichnet. Ich erinnere hieru. a. an die Ergebnisse der Gesichtsfelduntersuchung,
*) Interessante Belege dafür bilden in der neuesten Zeit Mau passant , Amalie Skram , Hamsun und Strindberg, die ihre Erinne-rungen an Überstandene Psychosen oder die quälende Vorahnungeiner drohenden geistigen Erkrankung in ergreifender Weise darge-stellt haben. Nathaniel Lee hat während seiner jahrelangen Inter-nirung in Bedlam in seinen Gedichten zahlreiche irre Genies ge-schildert; so giebt er folgende Charakteristik von Caesar Borgia :Like a poor lunatic that makes his moanAnd for a while beguiles his lookers on,
He reasons well. His eyes their wildness lose
He vows, the keepers his wronged sense abuse
But if you liit the cause that hurts his brain
Then his teeth gnash, he foams, he shakes his chain.
(Winslow, Obscure diseases of the brain. p. 220. 1863.)