368
Vierzigstes Kapitel.
ersehen, wie dieser falsche Ausgangspunkt alle physiologischenAuffassungen hat verschieben müssen.
Seitdem durch die Entwickelung der vergleichenden Anatomieder abstrakte Begriff des Lehens auf positive Grundlagen hat ge-stützt werden können, haben mehrere deutsche Philosophen diesenBegriff weiter ausgedehnt und ihn dann der vom Willen ausgehendenWirksamkeit gleichgestellt. Allein es ist ebenso nothwendig, denNamen des Lebens blos auf lebende Wesen zu beschränken, alsihm auch eine so weite Bedeutung zu geben, dass er auf alle Or-ganismen angewendet werden kann.
Ich kenne keinen weiteren Versuch, der den Anforde-rungen einer philosophischen Definition des Lebens entspräche,als den von Blainville, welcher diesen grossen Vorgang durcheine doppelte innerliche Bewegung charakterisiren will, die zugleichallgemein und stetig, verbindend und lösend ist. Diese Definitionscheint mir nichts zu wünschen übrig zu lassen, ausser einer deut-licheren Bezeichnung der beiden von dem lebenden Zustand un-trennbaren Bedingungen, nämlich der eines bestimmten Organis-mus und der einer angemessenen äusseren Umgebung. Mitdieser Vervollständigung erfüllt sie die für die Natur dieses Gegen-standes sich ergebenden nöthigen Vorschriften; denn sie nennt denalleinigen Vorgang, welcher der Gesammtheit der lebenden Wesenvollständig gemein ist, wenn man sie in allen ihren sie bildendenBestandtheilen und in allen Zuständigkeiten des Lebendigseins be-trachtet. Dabei schliesst sie alle wirklich trägen Körper durchihre Fassung aus.
Beim ersten Blick scheint diese Definition Blainville's dieUnterscheidung nicht zu berücksichtigen, die Aristoteles undBuffon gemacht und Bichat so stark vertheidigt hat, nämlichdie zwischen dem organischen und thierischen Leben, denn siescheint sich ganz auf das pflanzliche Leben zu beziehen. Alleindieser Einwurf lässt nur die Tiefe der [Definition hervortreten,denn in der unermesslichen Mehrheit, welche das Leben geniesst,ist das thierische Leben nur eine einfache, dem organischenLeben hinzugefügte Vervollkommnung, indem diese ihm das Mate-rial für eine verständige Gegenwirkung gegen die äussere Weltgewährt, ja selbst um bei ihm durch die Sinnesempfindungen, die