Sechsundvierzigstes Kapitel. 9
dem, was die gallikanische Kirche betrifft, die politische Natur desKatholizismus verkannt habe, allein man konnte leicht dem Autordes „Papstes“ gleichstarke Folgewidrigkeiten nachweisen. Und dochverlangt man die Reorganisation der Gesellschaft nach einerLehre, so hinfällig, dass sie selbst von ihren besten Dolmetschernnicht mehr verstanden wird.
Ich gehe zur Betrachtung der metaphysischen Politik über;sie hat den Vorsitz bei dem politischen Fortschritt eingenommen,der in den letzten drei Jahrhunderten sich vollzogen hat. DieseLehre konnte allein ein System vernichten, welches einst den mensch-lichen Geist geweckt hatte und dann sich bestrebte, dessen Kind-heit zu verewigen.
Der Uebergang eines sozialen Systems zu einem anderen ver-langt für einige Generationen eine Art von mehr oder wenigeranarchischer Zwischenregierung. Der politische Fortschritt bestehtdann nur in Zerstörung des alten Systems. Dieser vorläufige Um-sturz ist unvermeidlich, um die Entwickelung der Elemente desneuen Systems zu gestatten, oder auch um zur Neubegründungdurch die Unbequemlichkeiten der Anarchie anzutreiben. Eine remverständige Erwägung, die ich hier andeuten muss, beweist dieNothwendigkeit eines solchen Verlaufs.
Die geringe Tragweite unserer Einsichten und die Kürzeunseres Lebens im Vergleich zur Langsamkeit der sozialen Ent-wickelung halten unsere Phantasie, namentlich bei politischen Ideen,in strenger Abhängigkeit von der Umgebung, in welcher wir leben.Selbst die tollsten Utopisten spiegeln in ihren Träumereien densozialen Zustand ihrer Zeit wieder. Um so mehr muss die Auf-stellung eines politischen Systems, welches von dem uns umgeben-den ganz abweicht, die Grenzen unserer Einsicht überschreiten.Der empirische und Kindheitszustand der sozialen Wissenschaft hatdiese natürliche Nöthigung noch gebieterischer gemacht. Auch dieweit vorgeschrittene Zerstörung des früheren politischen Systemsist eine für jede soziale Revolution nöthige Bedingung. Ohnedemwürden selbst die vorgeschrittensten Geister das Wesen des neuenSystems nicht bemerken, und die öffentliche Meinung könnte derenVerwirklichung nicht unterstützen. Der bedeutendste Kopf desAlterthums, der grosse Aristoteles, ist von seinem Jahrhundert