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Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert : vom Luneviller Frieden bis zum Tode Kaiser Wilhelms I. / Berthold Volz
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Die Neugestaltung Deutschlands : Kaiser und Reich.

die Übermacht der französischen Flotte über die norddeutsche ganz augenfällig.Freilich warnte der französische Militärattache in Berlin , Oberst Stoffel,in seinen Berichten auf das eindringlichste vor einer Geringschätzung derpreußischen Armee; aber er fand in den Tuilerien nicht rechten Glauben.Nur das Eine wollte man der Vorsicht einräumen, einen Kriegsvorwandzu suchen, der Preußen allein anginge, damit es genötigt wäre, ohneBundesgenossen in den Kampf mit Frankreich einzutreten. Und einensolchen Vorwand schien in erwünschter Weise die spanische Thronkandidaturdes Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen zu bieten. Zwarbildeten die schwäbischen Fürsten von Hohenzollern schon seit 1226 einevon den fränkischen Burggrafen, dem späteren preußischen Königshause,getrennte Linie; sie waren auch katholisch geblieben und hatten erst seit derAbtretung ihrer Fürstentümer an Preußen den Rang von nachgeborenenPrinzen erhalten. Aber dennoch wollten die französischen Kriegshetzer dieFrage als eine dynastische ansehen, welche dem Hause Hohenzollern dieErneuerung der Monarchie Kaiser Karls V. in Aussicht stelle. In demWiderstände hiergegen glaubte Frankreich mit allen übrigen MächtenEuropas zusammenzutreffen. Die Sorge war nur, ob das in dieser Fragesicher isolierte Preußen auch den Fehdehandschuh Frankreichs wirklich auf-heben würde.

Immer noch schwankte der Kaiser Napoleon selber und war vollerBedenken; aber mehr und mehr gewannen die Kriegslustigen Gewalt überihn, und er ließ es zu, daß sie der Kandidaturfrage eine Gestaltung gaben,daß Preußen nur zwischen Krieg oder Demütigung vor Frankreich zuwählen hatte. Daher schlug der Herzog von Gramvnt, der französische Minister des Äußern, obgleich der Prinz Leopold die ihm angetrageneThronkandidatur ablehnte, dem preußischen Botschafter in Paris , vonWerther vor, daß der König von Preußen an den Kaiser Napoleon einenBrief mit der Erklärung richten möchte, daß der König mit seiner Er-laubnis der Thronkandidatur nicht des Willens gewesen sei, den Inter-essen und der Würde des französischen Volkes zu nahe zu treten, ja, er legtedem Botschafter den Entwurf zu einem solchen Abbittebrief vor, den derKönig abschreiben und einschicken möchte. Und dieser, anstatt das unwürdigeAnsinnen energisch zurückzuweisen, sandte den Entwurf nach Ems an denKönig: worauf Graf Bismarck den Botschafter unverzüglich bis auf weiteresvon seinem Posten beurlaubte.

Zugleich richtete Gramont durch den in Ems weilenden BotschafterGraf Benedetti an König Wilhelm das Verlangen, der König solle die be-stimmte Versicherung aussprechen, daß er niemals seine Einwilligunggeben werde, wenn die fragliche Kronkandidatur wieder aufleben sollte.