Musik.
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wie das Widerspiel des gewaltigen Völkerkampfes gegen die napvleonischeUnterdrückung erschienen. So will auch in seinen Sonaten wie in denlyrischen Liedern der Meister sich selbst aussprechen; daher deren seelen-volle Innigkeit, daher die vollen Melodien, die mächtigen Gegensätze, diesatten Farben; darum selbst in seinen Messen die oft stürmische Bewegungder Musik. Denn der aus deu Kämpfen mit Zweifel und Unmut nachFrieden und Glauben sich aufringende Mensch ist es, der sich giebt. Auchdeu Hörer will er in das Mark seines Wesens treffen und über das klein-liche Elend der Erde ihn emporheben. Einer solchen Natur geht die an-mutige Beweglichkeit eines Mozart ab. Darum wirkt Beethovens OperFidelio nicht durch dramatische Effekte; vorwiegend lyrischen Charakters,ergreift sie durch ihre innere Wahrheit und wunderbare Idealität.
Ein Rückschlag unterdessen war eingetreten: auf den begeisterungs-volleu Völkerfrühling war die Zeit des Metternischschen Regimentes gefolgt.In der Litteratur war die Romantik emporgekommen. Und diese roman-tischen Bestrebungen finden ihr Widerspiel in der Musik, in der angewandtenwie in der reinen: eine Vorliebe für das Dämmernde, Mystische, Schwebendein Harmonien und Modulationen macht sich bemerkbar; man verlangt, daßdie Musik Geist habe und unmittelbar auf den Geist wirke: eine Idee, einUnaussprechliches soll durch Töne symbolisch erfaßbar gemacht werden.Originell zu sein wird das Ziel, womit sich zwar nicht bei den Führern,wohl aber bei den kleineren Geistern leicht Nachlässigkeit in der Form verbindet.
In der reinen Musik ist es Franz Schubert , der zuerst die neueRichtung einschlägt. Sein sicheres Formgefühl reiht ihn unmittelbar denKlassikern an; aber das Vorwalten der dichtenden Phantasie, der Farben-glanz der Töne zeigt den Romantiker. Ludwig Spohr dagegen versuchtdie ernste klassische Form in den Dienst des romantischen Geistes zu stellen;aber seine von der Romantik genährte Phantasie leidet unter der Herrschaftdes künstlerischen Verstandes: die Jdeenschwere hemmt ihm die Freiheit derBewegung. Sein Gegensatz ist Karl Maria von Weber . Keck und kühngiebt sich Weber den romantischen Ideen hin, deren inneres Wesen ihn dochvon der reinen Musik mehr und mehr zu der angewandten führen mußte.
In dieser Inkongruenz des romantischen Geistes mit den klassischenFormen der reinen Musik liegt die Erklärung, daß sich gerade auf diesemGebiete zuerst und mit großem Erfolge eine Reaktion gegen die Romantikerhob. Felix Mendelssohn -Barthvldy führt diese Rückwendung zurKlassizität an, indem er die Versöhnung des Klassischen mit dem Modernenanstrebte. Sein weiches, hingebendes Gemüt befähigte ihn dazu in beson-derem Maße. Meisterhaft handhabt er die Mittel; der äußere Ausbauseiner Formen ist stets tadellos: wie spielend entstanden erscheint, was erernsten Studien, zumal der Werke Bachs, verdankt. Seine Komposition