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Ueber das Nervenleben : akademische Festrede zur Feier des hohen Geburtsfestes Seiner Königlichen Hoheit des Grossherzogs Ludwigs III. am 9. Juni 1874 / gehalten von Dr. C. Eckhard
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Aehnlichkeit ist auch der Grund gewesen, daß kein Naturforscher des frühen Alterthums beideTheile zu trennen verstand. Erst im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung setzte ein in der gu-ten anatomischen Schule Alexandriens gebildeter Grieche, Namens Galen, die Unterschiededer beiden erwähnten Classen von Körpertheilen fest. Für die einen zeigte er, daß nach ihrerDurchschneidung die abwärts von der Schnittstelle gelegenen Körpertheile die Fähigkeit zu will-kürlicher Bewegung und zum Empfinden vollständig einbüßen, für die andern, daß durch dieselbeOperation diese nachtheiligen Folgen nicht eintreten. Die ersten sind unsere Nerven, die Ge-bilde der zweiten Art werden Sehnen oder Flechsen genannt. Die scharfe sprachliche Trennungder beiden Bildungen ist indeß erst spät in der Wissenschaft erfolgt; selbst bis in das 17. Jahr-hundert hinein finden sich Nachklänge der früheren Verwirrung. Heut zu Tage können wir dieUnterscheidung der Nerven und Sehnen noch auf einem andern Wege ausführen. Die Prüfungbeider mit Vergrößerungsgläsern hat nämlich ergeben, daß die Sehnen aus äußerst feinen, solidenFädchen, die Nerven dagegen aus dickeren, mit öligem Mark erfüllten Röhrchen von anderemAussehen, auf das wir aber hier nickt näher eingehen können, bestehen. Dabei bemerke ichIhnen jedoch, daß nicht in allen Fällen diese Unterscheidung leicht mit Sicherheit auszuführenist. Es können unter Umständen die Nervenfasern in so unsäglicher Feinheit vorkommen, daßihre Erkennung mit Hülfe des Microscops ohne Anwendung anderer Mittel nicht ausreichendmöglich ist, so daß man doch wieder zur functionellen Prüfung zurückkehren oder durch eineReihe besonderer Schlüsse die Angelegenheit aufzuklären suchen muß. An die Thatsache, daßdie "Nerven weiße Stränge sind, welche die willkürliche Bewegung und die Empfindung ver-mitteln, könnte ich nun anknüpfen und Sie schon jetzt in ein Gebiet schöner und ergiebigerFragen einführen. Ich ziehe es aber vor, Ihnen zuvor das Nervenleben in all seinen verschie-denen Formen zn schildern, bevor ich die eine oder andere seiner Erscheinungen etwas tieferverfolge. Im Anschluß an das Vorige theile ich Ihnen nun weiter mit, daß es im Menschen-und Lhierkörper noch viele andere Gebilde von demselben äußeren Ansehen und von demselbeninneren Bau, wie die der Empfindung und der willkürlichen Bewegung dienenden Nervengibt und für welche also von dieser Seite her Nichts im Wege steht, sie gleichfalls Nerven zunennen. Sie unterscheiden sich von den bereits erwähnten Nerven nur dadurch, daß, wenn mansie durchschneidet, andere Thätigkeiten des Körpers als die beiden genannten ausbleiben. Vonden hierher gehörigen Thatsachen bringe ich die folgenden zu Ihrer Kenntniß. Neben den demWillen unterworfenen Bewegungen gibt es noch eine große Mannigfaltigkeit andrer, die zwardiesem Einfluß entzogen sind, aber dennoch gleichfalls durch zu den bezüglichen Theilen gehendeNerven beherrscht werden, so daß, wenn die letzteren, ähnlich wie in Galen's Experimenten, in

ihrer Continuität getrennt werden, jene Bewegungen verloren gehen. Die unwillkürliche Be-

wegung Ihres Augensterns, wenn Sie abwechselnd ins Helle und Dunkle sehen, oder abwechselnddas Auge öffnen und schließen, kann dazu als Beispiel dienen, indem dieselbe bei Thieren, die

diese Erscheinung gleichfalls zeigen, mit der Trennung eines gewissen Nerven aufhört. Ferner

habe ich Ihnen von einer sonderbaren Art von Nervenwirkungen zu erzählen, die Sie nach dem