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Königliche Hoheit : Roman / von Thomas Mann
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war, vor Weihnachten, die Ankündigung ergangen, daßder beurlaubte Professor, recht leidlich genesen, nach denFreiwochen seine Tätigkeit wieder aufnehmen, sein Amtals Ordinarius der Unterprima wieder antreten werde.Und nun hatte sich gezeigt, wie es um Doktor Überbeinstand und was es mit seiner grünen Gesichtsfarbe, seinemaufgeräumten und überlegenen Wesen eigentlich auf sichhatte. Er hatte sich aufgelehnt, war vorstellig geworden,hatte lauten und in der Form nicht unanfechtbaren Ein-spruch dagegen erhoben, daß ihm, der in drei Viertel-jahren mit der Klasse verwachsen war, der Arbeit undErholung mit ihr geteilt und sie fast bis zum Ziele ge-führt hatte, nun für das letzte Quartal das Ordinariatentzogen und dem Beamten, der drei Viertel des Jahresim Ruhestände verbracht, wieder zuerteilt werden sollte.Das war verständlich, begreiflich, war menschlich nach-fühlbar. Ohne Zweifel hatte er gehofft, dem Direktor,der das Ordinariat der Selekta innehatte, eine Muster-klasse zuzuführen, deren Fortgeschrittenheit und vorzüg-liche Ausbildung seine Fähigkeit in Helles Licht setzen,seine Laufbahn beschleunigen würde, und die Vorstellungmußte ihn schmerzen, einen anderen die Früchte seinerHingebung ernten zu sehen. Aber wenn sein Unmut ent-schuldbar gewesen wäre, so war seine Tollheit es nicht:und leider verhielt es sich wirklich so und nicht anders,daß er, als der Direktor seinen Vorstellungen taub blieb,unbedingt toll wurde. Er verlor den Kopf, er verloralles Gleichgewicht, er setzte Himmel und Hölle in Be-wegung, damit dieser Bummler, dieses Bierherz, dieserlieblose Schuster, wie er ohne Rücksicht den beurlaubten

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