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hatte man Muße, sich zu ängstigen. Ein Eisenbahnwagenschlenkert wohl, bei Weichen, bei scharfen Kurven, das kenntman. Aber dies war ein Schlenkern, daß man nicht stehenkonnte, daß man von einer Wand zur andern geworfenwurde und dem Kentern des Wagens entgegensah. Ichdachte etwas sehr Einfaches, aber ich dachte es konzentriertund ausschließlich. Ich dachte: „Das geht nicht gut, dasgeht nicht gut, das geht keinesfalls gut." Wörtlich so. Außer-dem dachte ich: „Halt! Halt! Halt!" Denn ich wußte, daß,wenn der Zug erst stünde, sehr viel gewonnen sein würde.Und siehe, auf dieses mein stilles und inbrünstiges Kom-mando stand der Zug.
Bisher hatte Totenstille im Schlafwagen geherrscht. Nunkam der Schrecken zum Ausbruch. Schrille Damenschreiemischen sich mit den dumpfen Bestllrzungsrusen von Män-nern. Neben mir höre ich „Hilfe!" rufen, und kein Zweifel,es ist die Stimme, die sich vorhin des Ausdrucks „Affen-schwanz" bediente, die Stimme des Herrn in Gamaschen,seine von Angst entstellte Stimme. „Hilfe!" ruft er, undin dem Augenblick, wo ich den Gang betrete, auf dem dieFahrgäste zusammenlaufen, bricht er in seinem seidenenSchlafanzug aus seinem Abteil hervor und steht da mit irrenBlicken. „Großer Gott!" sagt er, „AllmächtigerGott!" Undum sich gänzlich zu demütigen und so vielleicht seine Vernich-tung abzuwenden, sagt er auch noch in bittendem Tone:„Lieber Gott. .." Aber plötzlich besinnt er sich eines andernund greift zur Selbsthilfe. Er wirft sich auf das Wand-schränkchen, in welchem für alle Fälle ein Beil und eineSäge hängen, schlägt mit der Faust die Glasscheibe entzwei,läßt aber, da er nicht gleich dazu gelangen kann, das Werk-zeug in Ruh, bahnt sich mit wilden Püffen einen Weg durchdie versammelten Fahrgäste, so daß die halbnackten Damenaufs neue kreischen, und springt ins Freie.
Das war das Werk eines Augenblicks. Ich spürte erstjetzt meinen Schrecken: eine gewisse Schwäche im Rücken,eine vorübergehende Unfähigkeit, hinunterzuschlucken. Alles