Schillers Ruhm ist der des Sängers höchster Freiheit; aberGoethe hat sich zu diesem Begriff zu jeder Zeit sehr vorsichtigverhalten, nicht nur im Politischen, sondern konsequent, grund-sätzlich und in jeder Beziehung. Von Schiller sagte er: „In.seinem reiferen Leben, wo er der physischen Freiheit genug hatte,ging er zur ideellen über, und ich möchte säst sagen, daß dieseIdee ihn getötet hat; denn er machte dadurch Anforderungenan seine physische Natur, die für seine Kräfte zu gewaltsamwaren. Ich habe vor dem kategorischen Imperativ allen Re-spekt, ich weiß, wieviel Gutes aus ihm hervorgehen kann, alleinman muß es damit nicht zu weit treiben, denn sonst führt dieseIdee der ideellen Freiheit sicher zu nichts Gutem." — Ich ge-stehe, daß diese pflegliche Art, unter Hindeutung aus Schillersheroisches Leben vor Übertreibungen im Gebrauch des kate-gorischen Imperativs zu warnen, mich von jeher humoristischangemutet hat, genau so humoristisch, wie das Naive gegen-über dem Sittlichen immer wirkt. Aber es gibt andere Äuße-rungen des Gotteskindes über den Helden und Heiligen, dieanders lauten und mit großartiger Treuherzigkeit für denAdel zeugen, welchen der Geist verleiht. Denn wenn Goetheeines Tages erklärte, er gälte zwar für einen Aristokraten, aberSchiller sei es im Grunde weit mehr gewesen als er, so zieltdiese Bemerkung, die das Problem der Vornehmheit direktberührt, gewiß nicht aufs Politische, nicht daraus, daß Schillervon den Ewig-Blinden gesprochen hat, denen man nicht desLichtes Himmelsfackel leihen solle, sondern sie meint denAristokratismus des Geistes selbst, den Goethe in diesem Augen-blick mit seinem eigenen, mit dem Adel der Natur verglichund höher, strenger als diesen erfand. „Nichts genierte ihn,"sagte er bewundernd, „nichts engte ihn ein, nichts zog den Flugseiner Gedanken ab. Er war am Teetisch so groß, wie er es
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