Des M. Vitruvius Pollio zehn Bücher der Baukunst. 203
Daniele Barbaro einen ernsten Versuch dieser Art gemacht, undman muß bekennen, daß er wenigstens wahrnahm, was zunächsterforderlich sei, um eine Entwirrung des Vitruvischen Gallimathiasanzubahnen, nämlich die Sondierung der Begriffe und dieTrennung des Homogenen von dem Nichthomogenen. Er sagt,daß gewisse Begriffe von den Dingen durch sich selbst, absolut,ohne Beziehung zu anderen Dingen, Bestand haben, daß anderedagegen nur aus dem Verhältnisse der Dinge zu anderen Dingenund der Vergleichung zwischen beiden hervorgingen. So sei derBegriff Mensch in gewisser Beziehung ein absoluter, aber er-werbe zum relativen Begriff im Vater, im Bruder, im Freunde.Ebenso lasse sich ein architektonisches Werk als rein abstrakteKunstform, von allem Nichtformellen abgelöst, auffassen und inseinen allgemeinen, formalen Eigenschaften beurteilen; zweitensaber könne und müsse man das Werk als ein Resultat, als einGewordenes betrachten und alle Koeffizienten, die bei seinemEntstehen thätig waren, bei Beurteilung der Kunstform berück-sichtigen. Dergleichen seien die räumlichen Bedingungen undder Zweck des Bauwerkes, die Baustoffe, das Maß des Auf-wandes, den die Umstände gestatten, Sitte, Klima, die Lage desBauwerkes u. s. w. So weit hat Barbaro das Richtige geistvollerkannt, aber ich folge ihm nicht weiter in seinen vergeblichenAnstrengungen, die von Vitruv gegebenen sechs Grundbestandteileder Architektur nach dieser zwiefachen Anschauung zu sondernund zu sortieren, da in der That den Erörterungen des Vitruv keine klaren Vorstellungen zu Grunde liegen.
Die Harmonie und Totalität eines Werkes hängt zunächstvon drei formalen Bedingungen ab, wonach sich diese Einheit-lichkeit darstellen muß, nämlich von Symmetrie, Proportionalitätund Richtung. Die harmonischen Gesetze der Symmetrie, Pro-portionalität und Richtung sind in ihren Grundformeln allge-mein gültig und stets dieselben, aber sie werden erst für dieeinzelnen Fälle anwendbar, wenn man jene zwecklichen, struktiven.