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Kleine Schriften / Gottfried Semper ; Hrsg.: Manfred und Hans Semper
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231
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Nebcr vielfarbige Architektur und Skulptur bei den Alten. 231

In diese Periode fällt auch, wo nicht die Erfindung, (dennin Griechenland gab es deren schon), doch wenigstens die allge-meine Verbreitung der Mosaike. Aber. sowenig eS möglich ist,durch mühsames Zusammentragen von Steinchen die Freiheit derBehandlung, die feinen Uebergänge des Farbenschmelzes, dieMannigfaltigkeit des Effektes zu erreichen, die der geschickteMaler mit zwei Tropfen Farbe schnell hervorruft, ebensowenigkonnte buntsteinige Architektur und aus verschiedenen Marmor-arten zusammengesetzte Skulptur die Schönheit, Mannigfal-tigkeit und Eleganz polychromer griechischer Monumente er-setzen. Das Gebiet des Mofaikarbeiters ist immer die Kopie,es mag sich nun um Marmorblöcke handeln, oder um feineSteinchen.

Dem Künstler aus der besseren Zeit mußte das leichte ur-sprüngliche System der Polychromst durch Farben mehr zurHand liegen und er in ihm seinem Genius ungestörter folgenkönnen. Der Vorteil größerer Oekonomie macht dasselbe auchunseren Zeiten besonders empfehlbar.

Diese Ansichten widersprechen der häufig angenommenenVorstellung, als sei die Polychromst der Griechen als eine ärm-liche Nachbildung des vielfarbigen Marmors und des Mosaiksanzusehen. Der Verfasser wünscht, daß seine schwachen Andeu-tungen zu gründlichen Erörterungen über diesen wichtigen Gegen-stand Anlaß geben mögen.

Aber neben dem Gebrauche, mit dem verschiedenfarbigenMaterials zu malen, blieb dennoch auch in Rom die alte Poly-chromst in steter Aufnahme. Alle Monumente Roms, die ausweißem Marmor, oder aus gemeinem Steine bestehen, zeigenSpuren der Bemalung.

So war das uralt herkömmliche Prinzip der Polychromstnoch vollkommen herrschend bis in die spätesten Zeiten desrömischen Reiches, und selbst mitten im Gewirr der eindringen-den Barbaren und der Zerstörung erhielt es sich aufrecht und