Entwurf eines Systemes der vergleichenden Stillehre. 269
und auf gewissen Gesetzen der Natur und des Bedürfnisses beruhen,die zu allen Zeiten und unter allen Umständen sich gleich bleiben.
Diese Klasse von Einflüssen bezeichnen wir mit dem Buch-staben U.
Die zweite Klasse umfaßt diejenigen Einflüsse, die wir alsvon außen her auf die Entstehung eines Kunstwerkeswirkend bezeichnen dürfen. Ihnen entsprechen in der oben an-'gewendeten allgemeinen Formel die Buchstaben x, r rc.
I. In demjenigen Teil der Lehre vorn Stil, welcher dieerstgenannte dieser beiden Klassen umfaßt, wird von denelementarsten Auffassungen dessen, was die Künstler Motivenennen, sowie von den frühesten Formen gehandelt werden, inwelche diese ursprünglichen Ideen verkörpert wurden, nämlichden Typen. Dieser Satz wird etwas näher zu erläutern sein.
Eine Trinkschale z. B. wird in ihrer allgemeinen Gestaltbei allen Nationen, zu allen Zeiten dieselbe sein, sie wird imPrinzip unverändert bleiben, ob sie in Holz, in Thon, in Glasoder was immer für einem Stoff ausgeführt wird. Die Grund-idee eines Kunstwerkes, die aus dessen Gebrauch und Bestimmunghervorgeht, ist unabhängig von der Mode, vom Material undvon zeitlichen und örtlichen Bedingungen. Sie ist das Motiveines Kunstgegenstandes. Die Motive besitzen gewöhnlich ihreneinfachsten und reinsten Ausdruck in der Natur selbst, sowie inden frühesten Formen, welche ihnen von den Menschen im An-fange aller Kunstindustrie gegeben wurden. Diese natürlichenund ursprünglichen Formen heißen die Typen der Ideen.
Es gewährt dem künstlerischen Gefühle eine Befriedigung,wenn in irgend einem Kunstwerke, mag es noch so weit vonseinem Urbilds entfernt sein, doch die ganze Komposition vonsolcher Grundidee beherrscht wird, ähnlich wie in einem musikalischenWerke das Thema durchklingt, und zweifellos ist Klarheit in derErfassung dieser zu Grunde liegenden Urmotive eine Hauptauf-gabe des Künstlers.