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Kleine Schriften / Gottfried Semper ; Hrsg.: Manfred und Hans Semper
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Urelemente der Architektur und Polychromie.

Die nächstwichtigen Ringzierden dienen zur Hervorhebungder Verhältnisse und des Inkarnates der Extremitäten der Ge-stalt, ein gleichfalls uralter Zierat, der sich bei uns nur nochim Bracelet erhielt, während im Altertum die noch jetzt imOriente herrschende Sitte bestand, außer dem Handgelenke auchden Oberarm, den fleischigen Teil des Unterarms und die Fuß-gelenke mit Ringen zu umgeben.

Die in ästhetischer Beziehung bedeutungsloseste, deshalb auchvon den Griechen erst mit überhandnehmender asiatischer Sittezum eigentlichen Schmuck erhobene Ringzierde sind die Finger-ringe. Sie wurden bei Griechen und Römern vorher kaumanders denn in tendenzsymbolischem Sinne aufgefaßt, als Amulett-träger, als Standesauszeichnung, als Andenken, als Siegelringe rc.

Bei dem Ringschmucke im allgemeinen gilt das Prinzip,dasjenige, was stark, schwellend, umfangreich erscheinen soll, mitengem Ringwerk zu umschließen, damit der Zwang, den diegoldene Fessel auf den geschmückten Teil auszuüben scheint, zurVerstärkung dieser Eigenschaften diene. In seiner gröbsten Auf-fassung tritt dieses Gesetz in den knöchernen Armringen derKaffern hervor, die in der Jugend an den Oberarm gelegt werdenund mit der Entwickelung der Muskeln tief in letztere ein-schneiden.

Die ästhetisch gebildeten Völker des Altertums liebten es,in edlerer Auffassung desselben Gesetzes, den Oberarm und denfleischigen Teil des Unterarms mit schlangenförmigen Spiralenzu umgeben, ein Sinnbild, welches ohne physischen Zwang denbeabsichtigten Zweck erfüllt und zwar in gesteigerter Wirkung.

Umgekehrt verhält es sich mit dem Schmucke derjenigen Teile,die zart, von geringem Umfang, nicht fleischig, sondern elastischfest erscheinen sollen. An ihnen müssen die Fesseln locker, ge-gliedert sein und ein freies Spiel gewähren.

Dies Gesetz sehen wir in der That ebenfalls von den hel-lenischen Schönen, sowie noch jetzt von den Hindudamen befolgt.