Buch 
Kleine Schriften / Gottfried Semper ; Hrsg.: Manfred und Hans Semper
Entstehung
Seite
328
JPEG-Download
 

328

Urelemente der Architektur und Polychrome.

oder unter anderen, gleichfalls einander die Wage haltendenSystemen der Verzweigung hervorwüchsen.

Fiele ferner beim Menschen die Gestaltungsachse mit derhorizontalen Richtungsachse zusammen, wie z. B. bei der Wasser-schlange, so müßten um diese Linie herum die Momente derTrägheit und des Wasserwiderstandes einander so balancieren,daß keine unfreiwillige Abweichung von der Richtungsuniformitätinfolge ungleichmäßiger Massenverteilung in Bezug auf dieHorizontalachse einträte; dieses Gesetz würde aber wieder die Ord-nung der Teile nach dem Sinne der Bewegung selbst durchausnicht berühren, und zwar aus demselben Grunde, der bereitshervorgehoben wnrde.

Nun aber participiert der Mensch von beidem; er entwickeltsich vertikal aufwärts und ist horizontal gerichtet, also ist er inder Gliederung seiner Teile in diesem Sinne von oben nachunten, sowie in dem Sinne von vorn nach hinten, von demGesetze des strengen Gleichgewichtes unabhängig; nur in demSinne von rechtsx nach links, oder umgekehrt, zeigt sich dieSymmetrie als die nach den Gesetzen des Gleichgewichtes ge-ordnete Gleichverteilung der Vielheiten. Beim Krystallpolyederist die Symmetrie stereometrisch, beim Baume ist sie planimetrischhorizontal, beim Menschen und allem ihm hierin Nachgebildetenist sie linearisch horizontal. Die horizontale symmetrische Achsedurchschneidet die gleichfalls horizontale Richtungsachse, sowie dievertikale Lebensachse rechtwinklicht. Sie ist gleichsam die unsicht-bare Balancierstange, die der Gestalt statischen Halt gibt.

So ergeben sich für den Menschen und für Gebilde derKunst, die hierin nach seinem Vorbilde entstanden sind, z. B.für die meisten Monumente der Baukunst, drei Achsen der Ge-staltung, welche den drei Ausdehnungen des Raumes entsprechen.Insofern sich nun, in Beziehung auf diese drei Schönheitsachsen,die Vielheit der Form einheitlich zu ordnen hat, treten folgendedrei räumlichen Eigenschaften des Schönen hervor: