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2 (1879) Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
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Fünftes Hauptstück.

§ 89 .

Wie in dem Vorhergehenden über Bekleidung, so möge auch hierwieder der zu behandelnde reiche Stoff in zwei Hauptabschnitte vertheiltwerden, indem sich die reinen gleichsam abstrakten ästhetisch-formalenFragen an diejenige über den Zweck und die Bestimmung der Gefässeknüpfen lassen und, in einem zweiten Hauptstücke, die Berücksichtigungder keramischen Stoffe und der wichtigsten Proceduren in dieser Kunstgleichsam von selbst auf deren Stilgeschichte führen muss.

§ 90 .

Jedes keramische Produkt ist zunächst bedungen durch die zweck-liche Bestimmung des Gegenstands, durch dessen Nutzung, sei diesenun thatsächlich von ihm gefordert oder nur vorausgesetzt, und in einemweniger realistischen, mehr ideellen, Sinne aufgefasst. Die schönstePrachtvase aus Marmor oder Porphyr, bestimmt in der Vorhalle einesPalastes zur Zierde einer Nische zu dienen oder den Mittelpunkt einesRaums zu schmücken, muss, obschon sie nicht zum Gebrauche bestimmtist, in formaler Beziehung motivirt sein durch irgend ein wirklichesNutzgefäss, welches bei der idealen Behandlung des Kunstwerks dennothwendigen realistischen Stützpunkt bietet, ohne den eine jede derartigeKomposition, als gleichsam in der Luft schwebend, bedeutungslos undunverständlich bleiben muss, ja überhaupt keine wahre formale Existenzgewinnen kann.

Verschiedene Zwecke veranlassen uns, Gefässe zu bereiten, welcheeinfache oder gemischte Formen annehmen, je nachdem nur eine odermehrere Absichten zugleich bei deren Erfindung verfolgt wurden.

Die erste und allgemeinste Absicht ist die des Fassens, manstrebt nach einem Mittel, eine Flüssigkeit oder auch eine kollektiveAnzahl von trockenen Gegenständen einzuschliessen und zusammenzuhalten.

Eine zweite, von jener verschiedene, Absicht der Töpferindustrieist die Hervorbringung von Instrumenten des Schöpfens. Wir wollenein Werkzeug, das geeignet ist, von einer grösseren Quantität Flüssigkeiteinen Theil aufzufangen und zu irgend einem weiteren Zwecke zu isoliren.

Dazu kommt noch eine dritte Absicht, die mit jener zweiten häufigverbunden auftritt, nämlich die des Einfüllens: Wir wollen das Geschöpfte,