196
Sechstes Hauptstück.
Natur bisweilen hervorbringt, z. B. an den Kürbissen, in den Bereichder Glastöpferei, um so mehr, da durch äusseren Druck und einfacheDrehungen des zu bildenden Glases diese Einkerbungen sehr leicht aus-führbar sind.
Der Rotationsprozess in der Töpferei begünstigt den ringförmigenSchmuck und die Eintheilung der Gefässoberflächen in horizontale paral-lele Zonen. Dagegen sind der Blaseprozess, wobei immer eine Haupt-richtung des Luftdruckes nach der Axe der Pfeife und eine Verlängerungder Glasblase in diesem Sinne entsteht, und der Streckprozess, derhei der Glasmacherei so thätig mitwirkt, im Widerspruche damit; —vielmehr begünstigen sie die Eintheilung der Gefässwände in Komparti-mente, Streifen, Riefen u. dergl., die sich von oben nach unten entwickelnund in der Basis konzentrisch zusammenlaufen, wozu noch die spiralischeDrehung dieser Motive, ein dem Glasmacher sehr bequemer Handgriff,als bereicherndes dekoratives Mittel hinzutritt . 1
Die Centrifugalkraft ist in der Töpferei als formgebendes Mo-ment nothwendig, jeder edelgeformte Topf wird ein Ausdruck dieserSchwungkraft sein. In der Glasblasekunst ist sie kein nothwendiges,aber unter Fällen, wo sie in Thätigkeit gesetzt wird, ein viel kräfti-geres Moment der Formgebung, aus Gründen, die ich nur anzudeutenbrauche. Durch sie werden auch die flachen, schalenförmigen Gefässefür das Gebiet der Glasbereitung erworben, durch sie gewinnt letztereeine solche Bereicherung an wundervollen technisch-formalen, ihr aus-schliesslich angehörigen, Mitteln, dass sie dadurch beinahe auf die Spitzeder Keramik gehoben wird.
Gebläse und Schwungkraft sind so zu sagen innerliche Mittel derGestaltung, welche ohne die Hand des Modelleurs zu der Vollendungeines Glasgebildes nicht genügen. Aber das erweichte Glas gestattetkeine Berührung, daher tritt die Hand nur indirekt, mit Werkzeugen,bildend auf. Darum ist das Modelliren in Glas sehr gebunden, es hataber desshalb zugleich seinen eigenen höchst charakteristischen Stil.
Die Venezianer führten im XV. und XVI. Jahrhundert die vereinteKunst des Glasblasens und Glasbildens zu ihrer stilistischen Vollendung;ihre, zum Theil höchst edel und einfach gehaltenen, zum Theil phanta-stischen und selbst grotesken, Glasgebilde dienen gleichmässig zur