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Achtes Hauptstück.
§. 154 .
Das Fachwerk des südöstlichen Deutschlands .
Der städtische Civilbau musste wie überall so auch in diesen Ge-genden der gothischen Neuerung folgen, die ja gerade durch das Bürger-thum bei der Erbauung grossartiger Dome und städtischer Pfarreien ammeisten gefördert und gepflegt wurde.
Dagegen hatte die gothische Neuerung im eigentlichen Landbaudes Mittelalters keinen sonderlichen Erfolg, ja fand sie in den isolirtenGebirgsstrichen Süddeutschlands wahrscheinlich niemals Eingang, dennsonst würden sich gewiss Ueberreste und Spuren eines gothisirendenGeschmacks an den haugeschichtlich so interessanten tyroler und steiri-schen Landhäusern zeigen. Diess ist aber nicht der Fall; — wohl findetman in den Städten Süddeutschlands gothisch verzierte Holzwohnungen,die sich von den nordwestdeutschen nicht wesentlich unterscheiden, aberkaum eine Spur davon auf dem Lande. Ist aus der gothischen Zeit nichtsmehr von Landhäusern übrig geblieben, haben die sonst so starr konser-vativen Bauern dieser Gebirgsstriche mit solcher Leidenschaft den Renais-sancegeschmack aufgefasst, dass mit dessen Einführung alle Erinnerungan die vorhergebrauchten gothischen Formen total bei ihnen erlosch?
Beide Annahmen würden zu der Erklärung der erwähnten That-saclie nicht genügen. Eine genauere Prüfung lässt den Baustil dieserLandhäuser und die Kunstformen an ihnen auch gar nicht als der Re-naissance angehörig erscheinen, sondern man muss die antiken Traditionen,die hier vorliegen, entweder für spätrömisch (romanisch) oder (vielleichtrichtiger) geradezu für gräko-italisch erkennen. Diess bezieht sich nichtausschliesslich auf die Verzierungen, vielmehr trägt das süddeutsche Holz-haus in seinem Gesammterscheinen den gräko-italischen Typus: dasflache weitvorragende Giebeldach, die Fettenkonstruktion desselben, dasTabulatum, das rings um das Haus herum, oder doch an mehreren Seitendesselben, fortläuft und an die Mesodme und Pergula der hellenischen, und römischen Häuser erinnert, die Mischung der Steinkonstruktion mbder Holzstruktur, besonders auch das daran hervortretende Prinzip derBekleidung, der Brett- und Leistenverschlage für Wandflächen, Thür- undFenstereinfassungen, die Antepagmente der Stirnflächen an Fetten undBalken, der mehr malerisch polychrome als bildnerische Schmuck, allesdiess tritt zusammen, um der, schon von Leo v. Klenze ausgesprochenen