Buch 
2 (1879) Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
Entstehung
Seite
450
JPEG-Download
 

450

Zehntes Hauptstück.

überträgt. In dieser Beziehung ist der nicht lange bekannte, zwar nochionische, aber bereits stark korinthisirende Zeustempel zu Alzani ein köst-liches Dokument der Stilgeschichte, als ein noch der guten Zeit 1 ange-höriger Säulenbau, an dem sich dieses Motiv in entschiedenster Klarheitund sonst beispielloser Pracht und Schönheit entfaltet (s. Fig. S. 439).Ein verwandtes, wahrscheinlich noch alexandrinisches Beispiel gibt dermerkwürdige Säulenbau zu Salonichi, dessen Fries, in Karniesform, ausfortlaufenden schilfblattartigen Pfeifen besteht. 2 Ist diese Behandlung desFrieses, die bei den Römern Aufnahme fand, acht korinthisch zu nennen,so darf umgekehrt der, wahrscheinlich durch diese Idee hervorgerufene,Fries in Form eines fortlaufenden flachen Wulstes mit darauf gebildetemhegendem Blattgewinde, Fruchtgehänge u. dergl. als der liegendenSpirale des ionischen Polsters oder dem geflochtenen Wulste des attisch-ionischen Knaufes homogen, als acht (wenn schon spät) ionisch gelten.Wenn Verwechslungen und Geschmacksverirrungen in dem Gebrauchedieser Motive nicht selten sind, so ist dieses nicht die Schuld der, jeden-falls geistreichen und von richtigem Stilgefühle geleiteten, Erfinder, diedabei keineswegs einem unbestimmten Streben nach Prachtentwicklungund Neuem nachgaben, sondern ihre Aufgabe klar erkannten.

Der prachtvoll-sinnlichen und pomphaften korinthischen Weise ent-sprechen hohe Verhältnisse der Säulen, ein reich entwickeltes Gebälk,zugleich aber ihrer, auf Zwecklichkeit gerichteten, Tendenz eine gewisseWeitsäuligkeit. Aus diesen Bedingungen erklärt sich die deutlich wahr-nehmbare Rückkehr der korinthischen Weise zu der (entsprechend inihrer inneren Gliederung modificirten) alt-ionischen Norm, etwa nachdem (idealen) Schema:

4 X 6,25 = 25

(20 + 5) = 25.

Nach dem für die dorische und ionische Ordnung festgehaltenenVerfahren folgen die Normen einiger der wichtigsten korinthischen Säulen-systeme nebst Angabe ihrer Sonderheiten.

1 Einer Inschrift nach wäre dieser Tempel ein Werk der pergamenischen Könige.

* Vergl. auch das Gesims des Tempels zu Patara auf Seite 446.