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2 (1879) Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
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haften Verstimmungen, instinktmässig den idealen Zug und die Gerad-heit, Biederkeit und die grenzenlose Uneigennützigkeit seines Wesensheraus, die ihn denn auch nie zu viel kommen Hessen , obwohl er, beiden gewaltigen Aufgaben, die ihm übertragen waren, sich leicht ein sogrosses Vermögen hätte sammeln können wie andere, die ihren Vorth eilrücksichtsloser verfolgten.

War aber das ganze Ungenügen einer idealen Natur in ihm, sohinderte ihn diess doch keineswegs nach der Tage Last Abends wenigstensein fröhlicher Zecher zu sein, dessen eiserne Natur ihm erlaubte, Morgensfrüh schon wieder an der Arbeit zu sitzen, trotzdem dass er selbst inspäteren Jahren selten vor Mitternacht zur Ruhe kam. Seine Arbeits-kraft war geradezu unermesslich und bestätigte sich jetzt in einer Un-zahl von Entwürfen neben der Leitung des Baues des Polytechnikumsselber, die ihm alsbald übertragen ward. Mit den sehr begränzten Mitteln,die ihm ein so kleines Gemeinwesen zur Verfügung stellen konnte, hater hier, obwohl der Bau in seiner Hauptdisposition schon festgestellt war,als er kam, dennoch unglaublich viel erreicht. Indem er alle Kraft aufdas die Aula enthaltende Centrum verwendete, es aus einem grossartigenTerrassen- und Treppenbau höchst glücklich herauswachsen Hess, machteer das Ganze zur höchsten Zierde von Zürich , das es jetzt förmlich be-herrscht. Als eines der schönsten Stücke moderner Baukunst ward esfür die allgemeine Adoption des Renaissance-Styls in Süddeutschland fastentscheidend. Eben so genial wie der Mittelbau ist dann das Vestibül,welches durch die feine Grazie der Entwicklung direkt an Bramante undSammichele erinnert.

Bis zu seinem Auftreten war die Architektur in der Schweiz , soweitvon einer solchen überhaupt die Rede sein konnte, unglaublich im Argengelegen; diess wurde nun so gründlich anders, dass zunächst Zürich , baldaber auch viele andere Schweizer Städte ein ganz neues Gesicht be-kamen und heute wohl die Vergleichung mit keinen andern modernen inder Welt zu scheuen haben. Denn der Sinn der Bevölkerung selberwurde nicht minder dadurch umgewandelt, sie lernte wiederum der Schön-heit Opfer bringen, an die sie vor ihm nie gedacht hätte. Wenn dasSchlechte bisweilen eine verführerische Kraft besitzt, so hat das Edleund Schöne sie glücklicherweise noch weit mehr allerdings nur dann,wenn es in die Sinne fällt. Es ist diess ein Zug, der so sehr zur Ehreder menschlichen Natur gereicht, dass man ihm nur eine grössere Berück-sichtigung von Seiten der massgebenden Kreise bei uns wünschen möchte um so mehr, als man im Gegentheil bei jeder Veranlassung wieder