12
Diese letzte Bemerkung ist von grofser Wichtigkeit und geht darauf hinaus,einen seit langer Zeit bestehenden Irrthum zu heben, der die Vergleichung desWiderstandes eines Bogengespärres von Holz oder Eisen mit dem eines Gewöl-bes treffend findet. Diese Vergleichung ist durchaus nicht genau. Die steiner-nen Gewölbe verdanken ihre Stabilität auf dem Anfänger dem Gewichte der Ge-wölbsteine, die Bogen hingegen behaupten ihre Form nur durch den ununterbro-chenen Zusammenhalt ihrer Theile. Wenn das Verhältnifs der Dicke der Ge-wölbsteine zum Halbmesser der inneren Wölbung so gering wie die Dicke einesBogens zu seinem Halbmesser wäre, würde das Gewölbe einstürzen, und selbstwenn man die Holzbögcn verhältnifsmäfsig eben so stark wie die Gewölbe machte,würden sie ohne eine Verbindung zwischen ihren einzelnen Bestandlheilen nichtdas geringste Gewicht tragen. In der zuerst angeführten Constructionsart benutztman die Schwere, die Tragfähigkeit und die Unbiegsamkeit, die dem Steine eigensind, in der zweiten sind die Elasticität und Cohäsion der Theile die wesentlich-sten Eigenschaften.
Von diesem falschen Gesichtspunkte ausgehend, hat man in der Construc-lion der ersten Brücken aus Eisen, Gewölh-Constructionen nachgeahmt, und ei-serne Gewölbkcile hergcstellt. Man hat auf diese Weise Systeme erhalten, derenFestigkeit fast nur auf dem Widerstande des Eisens gegen Zerdrücken beruhte,und bei welchen man, da der Widerstand des Eisens gegen Ausdehnung garnicht bei ihnen in Frage kam, die hauptsächlichsten Eigenschaften desselbennicht in Anwendung brachte. Daher sind auch Bögen, wie z. B. die der Brückedes Jardin des plantes , sehr theuer gekommen und häufigen Reparaturen unter-worfen. In jetziger Zeit sind die Ingenieure auf bessere Ideen zurückgekom-men , und bemühen sich ihre Bögen so zu construiren, dafs diese so viel wiemöglich einem einzigen Gufsstücke nahe kommen. Dem Conslructions - Systemder Caroussel-Briicke von Polonceau liegt dies Princip zum Grunde, und ichschätze mich glijcklich, auf einer solchen Autorität fufsen zu können.
Nach dieser Abschweifung, die mir indefs dem Gegenstände dieser Abhand-lung nicht ganz fremd schien, komme ich auf die Dachgespärre zurück, und ausAllem, w as vorhergegangen ist, bilde ich folgende Schlüsse, in Beziehung auf dieunter diesen Gespärren zu treffende Wahl.
1) Wenn man eine Reitbahn, ein Exercirhaus oder irgend ein Local zuhauen hat, hei welchem nicht Lagerung und Transporte von Gütern es wünschens-werth erscheinen lassen, dafs der Raum zwischen den beiden Langseiten desDachs gänzlich frei sei, ist das gewöhnliche Gespärre von Palladio mit Zugstan-gen und Hängestangen von Eisen am besten anzuwenden, wobei man gleichzeitigaugenscheinliche Leichtigkeit, Solidität und Kostenersparnifs vereint. (Fig. 1, 2etc. Taf. XXV.)
2) Will man, dafs der obere Theil des Daches gänzlich von Zimmerwerkfrei sei, wie es zum Beispiel bei einem Speicher verlangt werden kann, oderwenn man für ein Mansardendach eine Construction in Gewölbform herzustellenwünscht, so inufs man der Anwendung des Bogens den Vorzug geben, und ein