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wilden Gesang die Felswände des Fexthales wieder-hatten machten. Ueber diesen Eispaß (3021 M.)flüchteten auch 1620 die Protestanten, welche demBlutbade im Veltlin, dem gleich der Bartholomäus-nacht fluchwürdigen Veltlinermorde, entgangen waren,ins Bündnerland.
In der kurzen Sommerzeit haben die Bewohnerdes Fexthales in ihrer Alpenrvilde vollauf zu thun,im langen Winter haben sie volle Zeit, aber unthätigsind sie auch im Winter nicht. Sie überwintern vielVieh, führen auch wohl Schieferplatten ins Engadin und führen Holz zurück, woran sie oben Mangel ha-ben, denn ein früherer Arvenwald ist durch einenBergsturz oder durch Lawinen verschüttet worden.Die Weiber spinnen und weben und erzählen, dennwenn auch das Leben der Fexer weder thatenreich,noch schicksalsreich ist, es läßt sich auch über wenigesviel sagen und warum sollten nicht die Frauen vonFex thun was auch die Gelehrten verstehen?
Sehen wir vom Kirchlein Cresta unsere Wan-derung nach oben fort, so gelangen wir znm WeilerCourtins. Die Silser-Alpen (2060 M.) zur Linkendes Bergbaches sind noch gut bewirthschaftet und ineiner geräumigen Sennhütte findet der Wanderer,wenn böses Wetter oder die Nacht ihn zur Einkehrzwingt, ein dankwerthes Obdach. Noch weiter hinaufhaben bergamasker Hirten ihr einsames Sommerleben.Das letzte im ganzen Jahr bewohnte Haus steht aberschon in einer Höhe von 1980 M., circa 6600 Fuß.Von einem mit Wachholdergesträuch bewachsenen Hü-gel bluotosivus oder Mott Selvas, auf dem eine
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kleine Hütte steht, hat man eine schöne Aussicht aufden Fexgletscher, der sich auch von hier betreten läßt;aber daß es nicht leicht sei wegen des jähen Absturzes,räumen auch die erprobten Bergsteiger ein, die sonstmanches bequem finden, was gewöhnlichen Touristengar nicht so erscheint. Die zerklüfteten Eismassen,das Labyrinth der Spalten sind nicht einladend undim Hochsommer stürzen oft große Eisstücke krachendherab. Wer aber über die zerrissene Wand den Bin-nengletscher gewonnen hat, der findet vorerst keineSchwierigkeit mehr und kann in Ruhe eine Rundschauhalten. Weilenmann hat in wenigen kräftigen Zü-gen das Bild gezeichnet. „Ein schauerlich Gewirredunkelgähnender Schründe umgab mich da. EndloseZickzackgänge, mißliche Sprünge, viele vergeblicheSchritte wurden gethan, mit Geduld aber der Glet-scheräbsturz endlich doch überwunden. Die Schründenehmen ab, das Eis geht in Schnee über, bald liegtunübersehbar, das glatte und sanftansteigende Firnfeldvor mir ausgebreitet. Man überschaut das ganzeGletscherrund des Fexthales, von den in starrer Wild-heit es umthürmenden, firngekrönten Felsmauern, diees von Val Roseg trennen, bis zu den sonnbeleuchten-den Schneehängen des Piz Güz und Piz Lat. Stolztaucht, bisher verborgen, der Piz Tremoggia auf.^Wer nicht nach Maria zurückkehren.will, kannbei Cresta über ein Joch in das mit dem Fexthalparallel gehende Val Vedoz gelangen, das ebenfallsin einen mächtigen Gletscher ausläuft. Die Ausdeh-nung des Fexgletschers wird auf 2651, die des Fedoz-gletschers auf 1765 Juchart angegeben.
Der Mulllju-PASS.
Im genauen Ausdruck ist Maloja (Maloggia)kein Berg, sondern eine Gebirgsschwelle und im obe-ren Theil eine rauhe Hochebene. Der Maloja trennt,der darüber führende Paß verbindet das Engadin unddas Bergell , welches letztere als Fortsetzung des En gadin angesehen werden kann. Der Maloja ist nichtbloß Wasserscheide, und zwar zwischen dem schwarzenund adriatischen Meer, sondern auch Sprachscheide,
denn im Bergell tritt an die Stelle des engadinerIdioms, des Romanischen, die italienische Sprache.
Vom Silser-See ist die Steigung der guten Fahr-straße bis zur Paßhöhe nicht bedeutend. Dagegen dieSenkung nach der andern Seite, in das Vergebt be-trächtlich.
Bei dem Wirthshause auf der Höhe des Maloja(1811 M.) darf ein Fels nicht unerstiegen bleiben,