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Das Hochgebirge der Schweiz : Prachtwerk mit 52 der interessantesten Ansichten aus dem Alpen-, Gletscher- und Felsengebiete / mit topographischem Text von ... Eduard Osenbrüggen ; nach Photographien, getreu nach der Natur bearbeitet, in Stahl gestochen von J.L. Rüdisühli u.a.
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M U V V s U»

Zum Lauterbrunnenthal gehört noch das Bergdorf' Mürren (1630 M.), das erst in neuerer Zeit welt-bekannt geworden ist und in den rothen Büchern die ge-bührende Aufmerksamkeit gefunden hat. Aber schonI. R. Wyß hat vor mehr als 50 Jahren in treff-licher Weise geschildert, warum der Besuch Mürrensso lohnend sei. Seitdem hat sich das Dorf mit seinenüber die Matten zerstreuten, wettergebräunten Häusernund Hütten wenig geändert; nur könnte man glauben,die Tugend des Hirtenlebens habe ihre Reinheit ver-loren, wenn man bei Wyß liest: „Kein Wirthshausverschlimmert die Sitten des Ortes und jetzt dort dasGasthaus zum „Silberhorn" erblickt. Aber diese freund-liche Herberge, wie sie aus einem wahren Bedürfnisseentstanden ist und die Touristen anheimelt, hat dochwohl auf die Sitten der Dörfler nicht nachteilig ein-gewirkt. Immerhin war die Zeit noch idyllischer undpatriarchalischer, als der genannte Wanderer an einebeliebige Thür in Mürren klopfen und Gastfreundschaftin Anspruch nehmen konnte. Er berichtet darüber: „WieMenschen im idealen Naturzustände, vertrauensvoll je-dem Mitmenschen nahend, verfügten wir uns in denOrt und wählten uns zur freieren Umsicht das obersteder Häuser, um anklopfend eine Herberge zu verlangen,die gutmüthig und ohne Bedenken von der Eigentü-merin, einer Wittwe, uns gestattet wurde. Da schrittenwir grüßend hinein, fanden eine Tochter und ein paarSöhne, wurden erledigt unseres Geräthes, kleidetenuns im Wcbgaden neben dem häuslichen Webstuhl um,bestellten eine gute Milchsuppe sammt einem Gerichtvon Eiern zum Nachtessen, und eilten alsbald wiederin's Freie, um mitten zwischen der neugierigen Jugenddes Dorfes im Grünen sitzend beim scheidenden Abend-licht des herrlichen Schauspiels der kaum irgendwoprachtvolleren Schneegipfel zu genießen." Das klingtwie eine Fabel aus dem wegen seiner Wirthshauspo-litik nicht eben best beleumdeten Berner-Oberlande, wieein Märchen aus alten Zeiten; aber wer viel gewan-dert ist, weiß doch, daß es in der Schweiz an uneigen-nütziger Gastfreundschaft nicht fehlt.

In 2—3 Stunden kann man von Lauterbrunnen auf dem Wege, der für die in Lauterbrunnen einge-

pfarrten Bewohner von Mürren der Kirchenweg ist,nach Mürren kommen. Man hat da zwar eine Stei-gung von mehr als 1300 Fuß, kann sich aber denAufgang dadurch sehr erleichtern, daß man sich lebhaft ver-gegenwärtigt, mit welchen Schwierigkeiten die Bewohnervon Mürren , die sehr kirchlich sein sollen, in der Winter-zeit zu kämpfen haben, um der Kirchenandacht in Lauter-brunnen theilhaftig zu werden. Namentlich am erstenWeihnachtstage versäumt nicht leicht, wer irgend dieKräfte dazu hat, zur Kirche in Lauterbrunnen zu wall-fahrten, und wird dafür auch kein Ablaß gespendet,so darf doch jeder, der am Abend wieder heimgekehrtist unter das Dach seiner Hütte, sich sagen, daß er,um an geweihter Stätte den Segen des Himmels sichzu erbitten, mehr geleistet habe als die gewöhnlichenKirchgänger. Kohl, der an einem Tage im Spät-herbst nach Mürren kam, ließ sich an Ort und Stelleerzählen, es sei zu Weihnachten und Ostern schon vor-gekommen, daß die Männer mit Schaufeln und Hackenvorangegangen seien und den Weibern und MädchenBahn geschafft hätten, und er bemerkt dazu, es müsseein erhebender Anblick sein, eine solche sonntäglich ge-schmückte und vom frommen Eifer getriebene Gemeindezu sehen, die sich von den Höhen durch Eis und Schneezum Gotteshause hindurchgrabe. Es kommt aber auchvor im strengen Winter, daß eine Leiche nicht herab-gebracht werden kann auf den Kirchhof im Pfarrdorfe.Da hilft man sich denn wie auf der Göschenenalp inUri und im Gebirge Graubündens ; man stellt dieLeiche an einen kalten Ort, läßt sie einfrieren und bringtsie zu gelegener Zeit hinab.

Die vielen Bäche, welche dem Wanderer auf demWege von Lauterbrunnen nach Mürren cntgcgenrau-schen und von denen er manche zu überschreiten hat,während andere munter von den Felsen herabspringen,diese Fülle des Wassers belebt die in Felsen starrendeGegend, in welcher sich zwar noch Baumwuchs findet,aber nur die ernsten Tannen gedeihen. Wenn manschon in eine beträchtliche Höhe gekommen ist, passirtman auf einer Brücke den Plctschbach, der noch sehrzahm ist und erst näher an Lauterbrunnen als Wasser-sturz den Namen Staubbach empfängt. Schon vorher

DaS Hochgebirge.

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