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Practische Anleitung zur Anwendung der Cemente zu baulichen, gewerblichen, landwirthschaftlichen und Kunst-Gegenständen : bearb. von W.A. Becker
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Herrn Ernst Marcla in Charlottenburg eine Steinmasse*)zu erfinden, die nach dem Brennen, vermöge ihrer Härte undDauer im Freien, den Sandstein übertrifft, auch rücksichtlichder geringeren Kosten bei plastischen Ornamenten diesem vor-zuziehen ist. Die aus dieser gebrannten Steinmasse gearbei-teten Gegenstände leiden nach nunmehr 18jährigen Erfahrun-gen nicht vom Froste, widerstehen Wind und Wetter und be-sitzen durch ihre gelblich-bräunliche Farbe eine aufserordent-liclie Nettigkeit und Sauberkeit, Schärfe in den Conturen, so-wie Härte, Festigkeit und Dauer.

Bei so grofsen Vorzügen hat diese Masse denn auch seitJahren eine ausgebreitete Anwendung gefunden.

Seit etwa 16 Jahren werden in Berlin von vortrefflichenGementen, insbesondere von dem durch seine grofse Festig-keit und Bindekraft sich auszeichnenden Portland-Cement, derauch in Berlin fabricirt wird, Gegenstände von gleicher Güteund Dauer wie aus gebrannter Steinmasse gefertigt.

Diese Steinmasse von Cement, woraus eine Menge derverschiedenartigsten Gegenstände gebildet werden und einenneuen Industriezweig hervorgerufen hat, zeichnet sich nebender Güte und Dauer gleichfalls durch gröfsere Wohlfeilheit alsdie Arbeit in Werkstein aus.

Die in der Neuzeit in allen Ländern ausgeführten vielenund grofsartigen Bauwerke der Eisenbahnen u. s. w. erfor-derten, theils bei der betriebenen Eile der Ausführung, mehrwie früher die Anwendung vorzüglicher Bindemittel.

Der mit jedem Jahre steigende Begehr nach solchenBindemitteln in verschiedenen Ländern, gab vielfache Anre-gung und Veranlassung zur Aufsuchung besserer natürlicherund Erfindung künstlicher Cemente.

In allen Gauen Deutschlands, wie in andern Ländern,sind denn seit mehreren Jahren viele Fabriken zur Herstel-lung guter Cemente entstanden.

Unter den mannigfach dargestellten hydraulischen Kalkenzeichnete sich jedoch der in England erfundene Portland-Cement vortlieilhaft aus und wurde dieser Vorzüge wegen baldin Deutschland bekannt. Die bedeutende, stets steigende Ein-fuhr desselben gab wiederum Veranlassung, dafs an mehrerenOrten in Deutschland Fabriken entstanden, welche eine Con-currenz mit den in England in grofser Zahl errichteten Unter-nehmungen eingingen, und nach jahrelangen Mühen glück-lich bestanden. Der in Deutschland jetzt fabricirte Portland-Cement ist an Güte dem besten englischen durchaus gleich.

Nachdem gegenwärtig die ausgezeichneten Eigenschaftendes Portland-Cements, welcher alle bis jetzt bekannten Binde-mittel an Bindekraft, und Festigkeit übertrifft, mehr anerkanntund richtig gewürdigt worden und damit ausgeführte Bauwerkejeder Art vielfach seit Jahren dem Publikum zur eigenenBeurtheilung vor Augen geführt sind, hat auch die Verwen-dung dieses Cementes mit jedem Jahre nach allen Richtungenzugenommen; selbst in Gegenden, wo früher nur ausnahms-weise derselbe Verwendung fand; was durch die jetzt vortreff-lichen Communicationsmittel, als Eisenbahnen, Chausseen, Ka-näle und Flüsse und verbesserte Communalwege, ermöglichtworden ist.

Für den Land- und Wasserbau sind die Cemente vonunschätzbarem Werthe.

Bei unserer vielfach veränderten Bauweise, in kürzesterZeit ganze Häuser mit möglichst geringem Zinsenverlust des

*) Nach Accum besteht diese Steinmassc aus Kieselerde und Eisenoxyd enthal-tendem Thonc, die man mit gemahlenen Kapsel-Scherben (Chamottc) und einer talkerde-haltigen Thonart versetzt.

Die geschlemmten Bestandteile werden in dem gehörigen Verhältnisse gemengt.Aus. diesem Thonteige modellirt man, nachdem er gehörig durchgearbeitet ist, die ver-langten Gegenstände, trocknet und brennt sie.

Bau-Capitals benutzbar und bewohnbar zu machen, ist diesnur möglich durch Anwendung vortrefflicher Bindemittel, so-wie durch die vielfach vervollkommnete Ziegel-Fabrikation inHerstellung gewöhnlicher, hohler, poröser oder geformter Zie-gel, und eine mehr ausgebildete Bau-Technik in Anwendungbesserer Constructionen in Holz, Stein und Eisen.

Als in London im Jahre 1834 die Parlamentshäuser nie-derbrannten, war es sehr wichtig, in kürzester Zeit ein tempo-räres Gebäude für die Sitzungen der Lords und der Gemeinenherzustellen, das sogleich bewohnbar sei und ungeachtet desschnellen Baues, der Gesundheit am wenigsten schädlich wäre.Statt des gewöhnlichen Kalkes wandte man daher Roman-Cement an, und in 3 Monaten, während der ungünstigen Jah-reszeit, waren die Gebäude vollkommen trocken und beziehbar.

In gleich ungünstiger Jahreszeit und grofser Eile wurdenauch die Preufsischen Parlamentshäuser in Berlin, Branden-burg und Erfurt, 1849, 1850 und 1851, mit hydraulischemKalke erbaut, und in kürzester Zeit benutzbar gemacht.

Von grofsem Nutzen sind die Cemente auch bei Trocken-legung feuchter Wohnungen, zur Anlage wasserdichter Keller-räume, zu Senkgruben, Getreide-Silos, zur Aufführung selbstschwacher Mauern, bei verhältnifsmäfsig grofser Stabilität, zuTreppen-Anlagen, zum Putzen, Fugen, zu flachen Ueberwöl-bungen und Herstellung kleiner Bautlieile, wie Kellerhälse,Gallerien, Altane, Baikone, Erker u. s. w. Selbst die schwie-rigsten Unterfahrungen von Gebäuden lassen sich bei Anwen-dung vorzüglicher Cemente schneller und sicherer wie früherausführen.

Ungemein wichtig sind die Cemente insbesondere für denWasserbau, namentlich bei Ausführung von Brücken, Tunnels,Aquäducts und Kaimauern, zum Verstopfen von Rissen undQuellen in alten Wassermauern, zu Schleusen-, Hafen-, Molen-und Docks-Bauten, zur Erbauung von Leuchtthürmen, zuLand-Seemarken, wie zu sonstigen Bauten zum Nutzen derSchifffahrt und des Handels.

Von gleicher Wichtigkeit sind die Cemente auch zu berg-baulichen Anlagen.

Mehrere der grofsartigsten Bauwerke sind fast allein nurdurch Anwendung guter Cemente möglich geworden, wie derBau des Leuchtthurmes zu Edystone auf einem Felsen im Ein-gänge des Sundes von Plymouth, zugleich mit Anwendungeines sinnreichen Steinverbandes, der Bau des Themse-Tun-nels in London; der eine halbe Meile lange und bis zu 60 Fufstiefe Hafendamm in Cherbourg, welcher nach 87jähriger ver-geblicher Anstrengung mit Hülfe des Medina-Cements zur Voll-endung gebracht wurde, sowie eine Menge anderer Wasser-bauwerke. Auch ist durch den Cement uns mancher bewun-derungswürdige Bau der Alten bis zum heutigen Tage erhal-ten geblieben.

Sehr wichtig ist die Anwendung der Cemente zur Bildungeines schnell erhärtenden Beton, Concrete, Gufsmörtel,St einmörtel.

Der Cement Beton wird entweder in kastenartige Vor-richtungen eingegossen, ausgebreitet und gestampft, in ähnli-cher Weise wie bei dem Lehm- und Kalk-Pise-Bau, so dafsdas Bauwerk nach dem Erhärten ein Ganzes in innig zusam-menhängender Masse darstellt, oder derselbe wird in zerlegbarehölzerne Formen zur Bildung künstlicher Bausteine ingrofsen oder kleinen Blöcken verwendet.

In neuester Zeit wird der Cement Beton vielfach verwen-det zu Fundirungen, wie überhaupt zur Anlage von Bauwerkenim Wasser, zu Röhren und Kanälen, zu Brücken und Durch-lässen, zu Kai-Hafen und Seemauern, zu Buhnen-Anlagen, zuCysternen und Bassins, zur Herstellung von Strafsen und Trot-toirs, zur Erbauung von Gebäuden, zu Gufsmauern, Gufs-gewölben und Estrichen u. s. w., sowie zur Darstellung der