Geschichte der Mathematik. Klassikerausgaben. 607
mathcmaticae und dessen drittes Buch ist eine Wiederherstellung derebenen Oerter des Apollonius .
Aus Italien haben wir von einer Wiederherstellung und voneiner Neuentdeckung zu berichten. 1 ) Yincenzo Yiviani (1622—1703), der letzte Schüler GalileFs, wie er sich selbst mit pietätsvollemStolze genannt hat, fällt zwar mit fast der Hälfte seiner Lebenszeitund mit den meisten seiner Veröffentlichungen jenseits des Zeitraumes,den wir in diesem Bande noch behandeln, aber mit einer Jugendarbeitdesselben haben wir uns zu beschäftigen, mit der 1659 gedrucktenSchrift: De maximis et minimis geometrica divinatio in quintumlibrum Apollonii Fergaei adhuc desuleratum. Es ist eine der sehrwenigen Wiederherstellungen, von deren Werthe man nachträglichdurch Wiederauffindung des wahren Wortlautes sich überzeugenkonnte. Ein Mönch Golius hatte nämlich um 1625 die arabischeUebersetzung der sieben ersten Bücher der Kegelschnitte des Apol-lonius aus dem Morgenlande mitgebracht und dem Grossherzoge vonToscana verkauft. In einer Bibliothek in Florenz lag der literarischeSchatz halb verborgen, wenn auch Pater Mersenne (1588—1648),ein französischer Miaorit, welcher mit nahezu allen hervorragendenPersönlichkeiten seiner Zeit in regem Briefwechsel stand und dadurcheine Mittelperson für die üppig hervorschiessenden Entdeckungenaller Art bildete, 1644 Kenntniss von demselben hatte. Auch zuViviani war die Kunde gedrungen, und ferner darf man nicht ver-gessen, dass die Wiederherstellung der Kegelschnitte des Apolloniusdurch Maurolycus (S. 515) jetzt 1654 im Drucke herauskam. Esist begreiflich, dass Yiviani unter solchen Umständen sich die Selbst-ständigkeit seines Schaffens zu sichern bestrebt war, und dass er vomErzherzog Leopold, Bruder des Grossherzogs Ferdinand II. von Tos-cana , sich ausdrücklich bescheinigen liess, dass ihm die wiederaufge-fundene Handschrift des Apollonius noch nicht bekannt gewesen sei,als er die Divinatio verfasste. Es ist aber auch ein Zeichen von kühnerZuversicht des Verfassers, dass er mit der Gewissheit, von der Auf-fassung des Maurolycus abzuweichen, mit der weiteren Gewissheit,durch die bevorstehende Veröffentlichung des wirklichen Apolloniuswerde über unglückliche Wiederherstellungsversuche der Stab ge-brochen werden, zu rechnen hatte, und dass er gleichwohl zur Yer-öffentlichuug von 1659 sich entschloss. Der Herausgeber von Mauro-lycus war Giacomo Alfonso Borelli (1608 — 1679), damals 1654Professor der Philosophie und Mathematik in Messina . Im Jahre1656 kam er als Professor an die Universität Pisa und wurde 1657eines der Mitglieder der Accademia del Cimeuto, welche im Juni dieses