2G4
Kapitel LV.
reden uns auschickten, sagten wir zutn Voraus, die Unstetigkeitseines Lebens bilde den Hintergrund, von welchem die Grösse seinerLeistungen sich abhebe. Wir Hessen damit ahnen, es sei ein grosserVerlust gewesen, den die Wissenschaft durch den Tod des erst40jährigen Mannes erlitt. Wir dürfen nicht von Regiomontan Ab-schied nehmen, ohne das damals Vorausgesandte zu wiederholen. Wirhaben in Regiomontanus einen Mathematiker allerersten Ranges kennengelernt, ebenbürtig einem Leonardo von Pisa , eiuem Jordanus Nemo-rarius, einem Oresme, um nur die drei Namen zu nennen, die bisherden besten Klang hatten von allen in diesem Bande zur Rede ge-kommenen. Erster abendländischer Bearbeiter einer wirklichen Tri-gonometrie hat er ihr eine Vollendung gegeben, welche bis in dasXVIII. Jahrhundert hinein nur Ergänzungen, aber keine veränderteBehandlungsweise zuliess. Scharfsinniger Geometer, geübter Alge-braiker, geistreicher Zahlentheoretiker hat er auf allen diesen Ge-bieten gezeigt, dass er auf der vollen Höhe der Zeit stand, und wärees ihm beschieden gewesen, mehr als in kurzen Andeutungen sichzu ergehen, hätte er Müsse gefunden, wie er es hoffte, sich eingehendmit anderen und anderen Theilen der Mathematik zu beschäftigen,so ist nicht zu ermessen, wie gewaltige Neuerungen er gewagt hätte.Ist doch der Regiomontan, den wir zu schildern hatten, selbst nurein Bruchstück, wenn wir so sagen dürfen, des ganzen Regiomontan,während die Geschichtsschreiber der theoretischen und der praktischenSternkunde sich mit anderen grossen Leistungen des so früh Ver-storbenen abfinden müssen.
Ohne in ihr Bereich überzugreifen, sei hier eine Vorrichtung kurzerwähut, die zu irdisch messenden Zwecken nicht minder anwendbar,als sie sich bei Sternbeobachtungen als einfaches Messwerkzeug be-währte, lange Zeit hindurch fälschlich für eine Erfindung Regio-montaus galt. Wirmeinen den Jakobsstab. 1 ) Nicht als ob Regio-
montans Name gar nicht mit demJakobsstab in Verbindung zu setzeni h : i i ■ : r i I ■ i i i ; IJ wäre, aber es handelt sich bei ihm
um eine wesentlich astronomische6 Abart. Die einfachste Gestalt des
Flg ’ 53 ' Jakobsstabes ist die (Figur 53)
eines senkrechten Querstabes von unveränderlicher Länge, der aufeinem in viele gleiche Theile getheilten Längsstab verschiebbar ist
*) Günther in der Bibliotheca mathematica 1885, S. 137 —140 und 1890,S. 73 —80. Ebenderselbe, Unterricht Mittela. S. 247, Note 1. Ebenderselbe,Martin Behaim (Bayrische Bibliothek Band XIH, Bamberg 1890), S. 22 flgg. —M. Steinschneider in der Bibliotheca mathematica 1889, S. 36—37 und 1890,S. 107. — A. Breusing, Die nautischen Instrumente bis zur Erfindung desSpiegelsextanten (1890), S. 36 flgg.