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Abschnitt XIX.
Anschauung vertreten, die Musik als eine mathematische Wissenschaftbetrachtet 1 ), da durch Boethius und Cassiodorius das „Quadru-vium“ als Kanon menschlichen Wissens zu beherrschender Stellungerhoben worden war 8 ). So möchten wir denn auch an den wertvollenQuellen werken 3 ) Burneys und i'orkels (s. o.) über Geschichte derMusik bei dieser Veranlassung nicht schweigend vorübergeheu.
Damit ist dann ein wichtiger Teil unserer Aufgabe zum Abschlüssegelangt, und es verbleibt uns dem Programme gemäß noch die Be-sprechung aller derjenigen literarischen Erzeugnisse, welche sich mitdem unmittelbaren Studium der antiken Schriftwerke zu schaffenmachen. Dieselben können übersetzt, erläutert oder im gereinigtenTexte der Urschrift neu herausgegeben werden; dazu tritt aber imgegenwärtigen Zeitraum weit entschiedener denn früher eine vierteForm gelehrter Arbeit, der Wiederherstellungsversuch. Sind unsdoch leider so viele griechische Schriften — für die römischen trifft dasaus nahe liegenden Gründen weit weniger zu — nur in Bruchstückenoder gar nur im nackten Titel erhalten geblieben; da war der Anreizgegeben, den Inhalt auf Grund der freilich oft nur sehr unsicherenAndeutungen zu erraten, welche man von da und dort verstreut in derLiteratur antraf. Die gewaltige Entfaltung des philologisch-archäolo-gischen Wissens in dieser durch die Kamen Lessing , Winckel-mann, F. A. Wolf, G. Hermann gekennzeichneten Epoche mußtesolchen Bestrebungen sehr zu statten kommen. Wir werden nach-stehend den vorhin aufgestellten Normen folgen: Übersetzung, Kom-mentar, Textausgabe mit oder ohne solchen und Rekonstruktion sollennacheinander an die Reihe kommen. Auffallen kann einigermaßen, daßfast einzig und allein das klassische Dreigestirn Euklid , Archimedes ,Apollonius die für die Antike begeisterten Mathematiker beschäftigt.Von ihnen abgesehen, ist es anscheinend allein der Byzantiner Anthe-mius, der gelegentlich einiger Beachtung gewürdigt wird 4 ).
Halten wir uns zuerst an die Übertragungen in unsere deutscheSprache, so können wir ein paar recht gelungene, heute noch ebenso-
') Diese eigentümliche Erweiterung der Mathematik, von welcher sich dieNeuzeit sehr mit Recht losgesagt hat, die aber von jedem, der den wissenschaft-lichen Betrieb des Mittelalters erkunden will, wohl zu berücksichtigen ist, suchtein diesem Sinne zu skizzieren Günther (Geschichte des mathematischen Unter-richtes im deutschen Mittelalter bis zum Jahre 1525, Berlin 1887, S. llOff.V*) Diese Vorlesungen I 8 , S. 5291F. s ) Burney , General Ilistorv of Music fromthe earliest Ages to the present Period, London 1777—178‘J; J. N. Forkel,Allgemeine Geschichte der Musik, Leipzig 1788—1801. 4 ) Dupuy, Fragment
d'un ouvrage grec d’Anthemius , Paris 1777. Übersetzung und Erläuterungensind beigegeben. Vgl. diese Vorlesungen I 8 , S. 4G8 und Gilbert, Annalen derPhysik, LIII, S. 248ff., sowie auch Poggendorff, Gesch. d. Phys., S. 22, 527.