120
dem Grade des Interesses möglich wäre, als ob dieses Denkmal, das den Pyramiden an Alterhoch überlegen ist, nicht alles Umstehende gewaltig überragte durch seine geschichtliche Be-deutung und durch den charakteristischen Ausdruck dieses verstümmelten Antlitzes, welches denVerlauf von ereignisschweren Jahrtausenden gesehen und vergessen hat, während vor seinensteinernen Augen sich die Ewigkeit selbst erschliesst.
Nicht weit vom Sphinx ist ein alter Tempel aus einem ebenso entlegenen, unbekannten Zeit-alter entdeckt worden. Er ist aus grossen Blöcken von hellrosenfarbenem Granit und aus Ala-basterplatten erbaut. Die unverwüstliche Festigkeit des Baues harmonirt vollkommen mit seinergrandiosen Einfachheit. Weder Malerei, noch Bildhauerarbeit, noch Inschriften schmücken diesesBethaus, welches nach Ansicht der Archäologen aus ebenso unvordenklichen Zeiten stammt wieder in der Nähe befindliche steinerne Löwenmensch.
Das Urheiligthum war mit der Chefren-Pyramide vereinigt. Die Standbilder des Königs,unter andern auch dasjenige, welches wir gestern im Museum gesehen haben, sind hier gefundenworden. Eine Treppe führt zu dem tief zwischen Sandhügeln liegenden Denkmal einer fast prä-historischen Architektur. Mächtige Säulen stehen oben vor den Gängen, die zu den unterirdischenGewölben führen. Die Fortsetzung der Gänge ist noch unerforscht, ihre Bestimmung unerklärtgeblieben. Aushöhlungen in den Mauern, die an einer Stelle bemerkt worden sind, haben zur An-nahme geführt, dass in diesen Nischen Mumien auf bewahrt wurden, dass der Tempel zu Todten-weihen gedient haben muss u. s. w. Die glatte Oberfläche der Steine ist so rein und glänzend,als ob die Baumeister erst unlängst diese Feste errichtet hätten.
Abermals liegt der gelbe sandige Pfad vor uns, der sich rückwärts zu den Pyramidenschlängelt. Es wird aber nicht der gerade Weg gewählt, der an dem Sphinx vorbeiführt, sondernein kleiner Abstecher gemacht, um noch eine desto anschaulichere Vorstellung von der Oede undUnfruchtbarkeit der an die königlichen Grabmäler grenzenden Wüste zu gewinnen.
Es werden den Hoheiten gesattelte Kamele vorgeführt. Obwol die Entfernung bis zudem Pavillon nicht besonders gross ist, so ist doch der Versuch eines Kamelritts hart an derLibyschen Wüste ebenso interessant als angenehm, da die Tageshitze immer erbarmungsloser undunerträglicher wird.
Vor der Rückkehr dorthin wird noch ein Denkmal, das einem gähnenden Todtengewölbegleicht, besichtigt, welches von den Schatzgräbern und Archäologen bis auf den Grund durchwühltworden ist. Es dringt in die Erde ein, mit schroffen Wänden und zerbröckelnden, für dieHinunterschauenden nicht gefahrlosen Rändern. Auf dem Boden ruht ein Sarkophag aus Diorit,von dessen Oberfläche eine zurückgebeugte, liegende Gestalt mit einem stillen Lächeln zu denneugierigen Zuschauern droben hinaufzublicken scheint. Ein Abglanz uralter Cultur, in der sogardie Steine von geistigem Leben durchhaucht sind!
Nachdem die Grossfürsten und Prinz Georg von Griechenland um die vierte Stunde vonden gastfreundlichen Wirthen Abschied genommen, begeben sie sich von der Cheops-Pyramide zudem in deren Nachbarschaft gelegenen neuen Hotel Mena-House, wo sie dem schwedischenKronprinzenpaare einen Besuch abstatten.
Ein dritter Abend am Ufer des Nils, aber heute thatsächlich unmittelbar am Ufer des Flusses.Bei unserm diplomatischen Agenten und Generalconsul, Herrn Kojander, ist zu Ehren der