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DIE NILKATARAKTE UND MEMPHIS.
heidnischen Ritus zu verfolgen und ein ziemlich vollständiges Bild von dem Götterdienst in denTempeln wiederherzustellen. Der russische Aegyptologe von Lemm hat davon eine höchstanschauliche wissenschaftliche Darstellung gegeben.
Am frühen Morgen, vor Sonnenaufgang, erschien der Priester, den die Reihe traf, in Be-gleitung von andern Tempeldienern im sogenannten „Feuergemach“; dort wurde unter den unver-meidlichen Beschwörungen Feuer dem Steine entlockt. Darauf nahmen die Priester das Weihrauch-fass, entzündeten den Weihrauch und begaben sich zu einem versiegelten Hauptgemache, worinsich das Bildniss des Ammon-Ra befand. Vor dem Gotte fielen die Priester andächtig aufsAntlitz, und nachdem sie die Erde mit der Stirn berührt hatten, begannen sie, das geheimnissvolleWesen unter Lobpreisungen anzuflehen. Dann wurde das Götterbild mit einem Gemenge vonkostbarem wohlriechenden Oel und Honig eingerieben, worauf wiederum eine Beräucherung desIdols folgte; hierauf blieb der Gott allein bis zum Beginne der Procession, die dem Volke gewöhn-lich das Heiligste vorführte. Sodann trug man den Ammon-Ra in einem geschlossenen Schreinehinaus, dessen blosser Anblick genügte, um die gläubige Menge mit Andacht zu erfüllen. Wardie feierliche Procession in den Tempel zurückgekehrt, so begannen die priesterlichen Reinigungs-ceremonien von neuem, das geweihte Götterbild wurde abwechselnd aus schwarzen und rothenGefässen besprengt, sodann gewaschen und mit wohlriechendem Räucherwerk umgeben. Schliess-lich bekleidete man das Idol mit weissen, grünen, hell- und dunkelrothen Binden, sein Leibwurde nochmals mit kostbaren Oelen gesalbt und die Augen des leblosen Antlitzes mit grünerund schwarzer Larbe ausgemalt.
Die Gestalt des Götterbildes ist bekannt. Ammon-Ra wurde als kräftiger Mann dargestellt,mit einem bunten Lederschmuck auf dem Kopfe, in kurzer, prachtvoller Kleidung, mit einem goldenenHalsbande und breiten Goldspangen an Händen und Lüssen. Die dem Gotte gegebene hellblaueLärbung zeugte von seinem Zusammenhänge mit dem Lirmament. Zuweilen war der Kopf desHimmelsbewohners mit ein paar Widderhörnern versehen; der Widder galt als ihm geweiht.Alexander der Grosse , der sich für den Sohn Ammon’s ausgab, erscheint später, nachdem erzum Helden der orientalischen Sagenwelt und zu einem rein mythischen Wesen geworden war,auf Münzen und in Märchen als ein geheimnissvolles, doppelgehörntes Wesen (Iskander „Zulkarnäin”).
Nach einem Rundgange im Tempel besteigen die erlauchten Reisenden von dem erstenVorhofe aus eine enge dunkle, aber bequeme Treppe von 242 Stufen, die zu einem derThürme führt, welche den Tempel zu beiden Seiten flankiren. Dort eröffnet sich ein weiterAusblick auf eine Landschaft voller Contraste und eigenthümlicher Larbenharmonien. Die glühendheissen Steinflächen der langen oberen Galerien glänzen wie neu; die Oeffnungen auf demmassiven Dache, die nicht etwa das Licht in die Linsterniss der geheimen Theile des Heiligthumsleiten sollten, sondern nur den Weihrauchwolken als Auslass dienten, sind zur Hälfte zugedecktund erhöhen die Illusion von der Unantastbarkeit des ganzen Baues. Dicht daneben stehenLellahwohnungen und breitet sich bebautes Land aus; etwas weiter davon entfernt liegen ödeSandflächen. Von hier aus enthüllt sich dem Blicke ein ergreifendes Bild von dem Kampfe zwi-schen Tod und Leben. Der Mensch sah es von jeher und forschte nach dem Grunde diesesZwiespaltes in der Natur.
Der uns erhaltene Tempel von Edfu (früher Atbo, d. h. „die Durchbohrung“ des hier be-siegten bösen Gottes Set) ist zwar erst während der Regierung der Ptolemäer errichtet und aus-geschmückt worden (im Laufe von 180 Jahren hat diese Dynastie nicht wenig Kosten und Müheangewandt, um das ägyptische Alterthum hier theils aufrecht zu erhalten, theils recht glänzendwiederherzustellen), der Grundstein zu diesem Heiligthum ist aber weit früher gelegt worden,zu einer kaum noch zu bestimmenden Zeit. Schon der älteste aller ägyptischen Götter, Ptah ,