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Orientreise ... Nikolaus Alexandrowitsch von Russland 1890-1891 / verfasst von ... E. Uchtomskij
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AHMEDABAD .

Die Sorge um das Mausoleum wurde genährt durch die äusserst religiöse Stimmung, diezu jener Zeit herrschte, als die Machthaber sich persönlich mit Abschreiben des Koran beschäftigten,um die Copien nach Mekka und Medina zu senden, wo das Buch der Bücher den zahllosenPilgern öffentlich vorgelesen wird in jener Periode, da alle Jahre reichliche Almosenspendenhingeschickt und auf Staatskosten Schiffe ausgerüstet wurden, die die Pilger unentgeltlich nachArabien und wieder in die Heimat beförderten.

Die Fürsten von Gudscherat behaupteten damals, dass der tiefere Sinn von MuhammedsWorten sich ihnen erst dann erschliesse, wenn sie den Thron bestiegen, umsomehr als Herrschermehr zu denken und durchzufühlen hätten als gewöhnliche Sterbliche.

Wenn man die gesammte Einrichtung, überhaupt die ganze Atmosphäre des damaligenHofes kennen lernt, mit den Vertretern seiner Militäraristokratie, die aus Chorassan, Samarkand und der Türkei hierher übergesiedelt waren, so heimelt es einen Russen förmlich an, sich in einerWelt zu sehen, aus welcher Typen hervorgegangen sind, die an Ruriks talentvolles, muthigesGeschlecht und an dessen Bojaren erinnern, die aus Preussen und Litauen, aus derGoldenenHorde und den entlegenem Gebieten jenseit der Wolga herstammten. Nur möchte es scheinen,als flössen in unsern historischen Persönlichkeiten die Principien des Orients und des Occidentszu einer viel innigem Verschmelzung zusammen, als erschaue man dabei deutlicher die Entstehungeiner neuen, aus sehr starker Blutmischung hervorgegangenen, aber an Geist völlig urwüchsigen Rasse.

Sultan Ahmed hatte die Fahne des Islam mit der grössten Energie hochgehalten und sichmanche Grausamkeit aus reinem Fanatismus zu Schulden kommen lassen. So war z. B. denfriedfertigen, harmlosen Hindus, die seine eigene Hauptstadt so kunstreich ausgeschmückt hatten,untersagt, sich innerhalb der von ihm errichteten Festung niederzulassen; die Heiden durftennur die Vororte der durch die Gegenwart rechtgläubiger Scheichs geheiligten Stadt bewohnen.Trotzdem erhielt sich nach seinem Tode das Andenken an ihn bei den Nachkommen seinerbrahmanischen Ehiterthanen ebenso heilig wie bei den Moslim; die erstem kommen noch heute,sein Grabmal mit Blumen zu bekränzen, während seine Glaubensgenossen ihn als ein Ideal derWeisheit, Gerechtigkeit und Seelenreinheit betrachten.

Indess wenn man nicht widerlegten geschichtlichen Angaben Glauben schenkt, soll SultanAhmed in jungen Jahren, vor seiner Thronbesteigung, seinen Grossvater ermordet haben, angeblichaus Rache: der Ahn, der damals selbst auf dem Throne sass, stand im Verdachte, seinen Sohn, Tatar-Chan, Ahmeds Vater, vergiftet zu haben. Charakteristisch sind die Einzelheiten jenes Verbrechens.

Als der Greis den Giftbecher trank, den ihm sein rebellischer Enkel gereicht hatte, blieber vollkommen ungerührt und bemerkte blos:Wozu die Eile? Das Reich entginge dir ja sowie so nicht. Worauf Ahmed mit dem Koranvers antwortete:Im Menschenleben ist alles durchdas Schicksal bestimmt, und wenn die Todesstunde naht, so kann man sie weder beschleunigennoch verschieben. Darauf hob der Sterbende von neuem an:Nimm meine Rathschläge zu Herzen!Erstens, traue denen nicht, die dich veranlasst haben, mich zu tödten! Zweitens, fürchte denRausch, denn er ist den Fürsten gefährlich! Wahrlich, eine interessante Zeit, in der die Menschenmit so viel Unmittelbarkeit zu handeln vermochten und mit einer so grossartigen Ruhe zu sterbenwussten! Uebrigens sollen beide, der Grossvater wie der Enkel, ihr ganzes Leben lang die Ge-wissensbisse nicht haben beschwichtigen können, die ihre Unthaten in ihnen wachriefen.

Die Regierungszeit des Sultans Ahmed hat sich durch eine verhältnissmässige Wohlfahrtdes Landes ausgezeichnet. Aufstände und Gewaltthätigkeiten hörten für einige Zeit auf und im